Gauleitung ließ deshalb über das Amt lür Kommunalpolitik der
NSDAP ein weiteres Gutachten erstellen. Es prognostizierte für Ludwigshafen
hohe finanzielle Einbußen von jährlich 220.000 RM. Nach
erfolgtem Ferngasanschluss müsste in Zukunft die Stadt die entstehenden
Einnahmeverluste durch allgemeine Haushaltsmittel ausgleichen.286
Hinter den Kulissen aber setzte Bürckel Oberbürgermeister Ecarius
stark unter Druck. Uber einen weiteren Vertrauensmann, den Bürgermeister
von Dürkheim, Richard Imbt, ließ Bürckel Ecarius wissen, er
werde in nächster Zukunft von seinem Posten beurlaubt und durch einen
Mann der Parteilinie ersetzt. Unter diesen Umständen stimmte der
Ludwigshafener Stadtrat am 19. November 1936 dem Ferngasanschluss
zu; "die Gauleitung hatte guvor bekanntgeben lassen, es liege ein Befehl des Führers
vor; das Projekt aus%uftihrenn’.287 Mit dieser aus Sicht der Gauleitung positiven
Entscheidung nahmen aber die Repressalien gegenüber Ecarius
keineswegs ein Ende. Man signalisierte ihm, er werde demnächst
abberufen und versetzt. In dieser Situation unterstützten einige Ratsmitglieder
offen den Bürgermeister, zumal die PGAG sämtliche Verhandlungen
über eventuelle Ausgleichsgelder kompromisslos ablehnte.
Es könne nicht angehen, einen Bürgermeister zu diffamieren, der zu
Recht die Interessen seiner Stadt vertreten habe.
Die politische Durchsetzung der Ferngasidee gegen den Willen einer
Großstadt schlug hohe Wellen, nicht nur in der Pfalz. Selbst der NS-Gaudienst
Hessen-Nassau stellte den erzwungenen Ferngasanschluss
als ein missratenes Beispiel nationalsozialistischer Energiepolitik dar.288
28(^ LA Speyer: H 3 Nr. 10 672: Gutachten Ludwig Kirschner vom 1.10.1935; Meinzer
(1983), S. 105
287 Meinzer (1983), S. 107
288 "pj[e Erhaltung der Werkskapazität geht selbstverständlich dann auf Kosten der
Gemeinde, die die Vorteile genommen und Aufwendungen und Nachteile zugeschoben
erhalten, die im Ergebnis die breite Masse der Kleinverbraucher belasten, während
die Ferngaslieferanten unter zielbewußter Abwälzung dieses Risikos sich die
Großabnehmer, die am wenigsten belasten und den meisten Umsatz aufweisen, wie
die Rosinen aus dem Kuchen herauspicken: ein Verfahren, das die Ferngaserzeuger als
"gemeinnützig" hinzustellen belieben. Dieser, ohne den Versuch einer Beweisführung
vorgetragenen Behauptung, daß die Werke in ihrem Verstand nicht gefährdet seien,
müssen die Vorgänge in der benachbarten Pfalz entgegengehalten werden. Dort hat
man es verstanden, unter der Parole, dem Saarbergbau zu helfen, trotz aller entgegenstehenden
Gutachten, Ferngas einzuführen, und verschiedentlich örtliche Gaswerke
damit stillzulegen... Typisch für die Argumentationen der Gegenseite ist der Hinweis
auf den "großen Vier jahresplan mit seiner gewaltigen Kraftanstrengung".., Es gibt
wohl kaum eine Zeitfrage oder ein Argument aus dem politischen Leben unserer
Tage, das nicht schon als Waffe in kühnem Angriff den Ferngaslieferanten gedient
hätte: je nach der Zweckmäßigkeit im Augenblick beruft man sich auf Arbeitsbeschaffung
oder wehrpolitische Notwendigkeiten, Notlage des Bergbaues oder Rückgliede-348