sen zu gewinnen, hatten sich mittlerweile die Entscheidungsstrukturen
innerhalb der pfälzischen Gasgesellschaft grundlegend geändert. Nach
und nach traten an die Stelle der alten kommunalen Vertreter neue, der
NSDAP angehörende Mitglieder, die ihre Position stärker der
parteipolitischen Raison denn den kommunalwirtschaftlichen Interessen
opferten. Auch erkannte der pfälzische Gauleiter, Joseph Bürckel,
ab April 1933 zusätzlich kommissarischer Leiter des Gaues Saarland,
die politischen und wirtschaftlichen Chancen, die eine Ferngasversorgung
der Pfalz in sich barg. Im Hinblick auf den bevorstehenden Abstimmungskampf
wollte er ein Zeichen für die enge Verbundenheit
zwischen dem Saarland und dem Reich setzen. Denn mit dem Bau einer
Ferngasleitung zwischen dem Saargebiet und dem Rhein konnte er
gleich in mehrfacher Hinsicht die Leistungsfähigkeit der nationalsozialistischen
Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik unter Beweis stellen.
In wirtschaftlicher Hinsicht versprach Bürckel den Nachweis zu erbringen,
die saarländischen Betriebe ohne größere Reibungsverluste in das
deutsche Wirtschaftssystem zu integrieren. Das galt vor allem für den
Saarbergbau. Hier gingen beispielsweise 1933 nur 970.000 Tonnen der
Gesamtförderung in Höhe von 10,5 Mio. Tonnen Steinkohle nach
Deutschland, während Frankreich über vier Mio. Tonnen abnahm.268
Nach einer Rückgliederung des Saarlandes an Deutschland brauchte der
Saarbergbau für den Absatzausfall nach Frankreich einen Ausgleich,
wobei sich direkte Maßnahmen (Absatzgarantien) und indirekte Maßnahmen
über die Veredelung der Steinkohle (Ferngasabsatz) ergänzen
sollten. Die Leitung in die Pfalz bildete folglich eine Art Nabelschnur
zwischen der Saar und Deutschland und versetzte das Reich in die
Lage, die schwächliche Saarwirtschaft aufzupäppeln. Arbeitsmarktpolitisch
wies Bürckel immer wieder auf die Wirkungen eines Leitungsbaues
gerade in der strukturschwachen Westpfalz hin.
Auch in Berlin gelang es Bürckel erfolgreich, seine Verbindungen einzusetzen.
Bei der Deutschen Gesellschaft für Öffentliche Arbeiten erreichte
er am 15. Juli 1933 die Zusage für ein zinsgünstiges Darlehen in
Höhe von 2,8 Mio. RM. Damit entkräftete er ein wesentliches Gegenargument
der pfälzischen Städte und Gemeinden, die hohen Anfangsverluste
der PGAG in Zusammenhang mit dem Leitungsbau.269
Trotz des erfolgreichen Versuchs Bürckels, die Aufsichtsgremien der
PGAG mit Personen seines Vertrauens, etwa dem SS-Gauführer
Schmelcher als Aufsichtsratsvorsitzendem und dem Kreistagspräsidenten
Richard Imbt, zu besetzen, schaffte er es zunächst nicht, die Lud-268
Schaefer (1934)
269 LA Speyer: H 3 Nr. 7706 III
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