2. Der erzwungene Ferngasanschluss der Pfalz
Ein Musterbeispiel für die Entkommunalisierung der Gasversorgung
nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten bietet die Pfalz.
Pläne, das linksrheinische Gebiet von der Saar aus zu versorgen, scheiterten
bis 1933 infolge der teils ungeschickten Verhandlungsführung
der saarländischen Ferngaslieferanten, teils an den Eigeninteressen der
leistungsstärksten pfälzischen Gaswerke Ludwigshafen und Frankenthal.
Mit dem Gutachten des Ingenieurbüros Oskar von Miller vom
März 1933 lag nun eine eindeutige positive Stellungnahme für eine
Ferngasversorgung von der Saar vor. "Aus den vorstehenden Erläuterungen
ist ersichtlich, daß die Ausführung der Ferngasversorgung der Pfa/% auf der von uns
vorgeschlagenen Grundlage für den Kreis und für die an der PGAG beteiligten
Städte und Gemeinden ein wirtschaftliches und risikofreies Unternehmen bildet".266
Den Vorbehalt von Ludwigshafen, das nach wie vor an einer Gruppengasversorgung
der Pfalz festhielt, konnte indessen auch das Gutachten
nicht ausräumen. In einem Gegengutachten vom Juni 1933
stellte der Direktor des Ludwigshafener Gaswerks Liese, der im März
des (ahres die Stelle der von den Nazis beurlaubten Werksleitern Oefverberg
und Rebmann übernahm, die Ergebnisse des Gutachtens vollständig
in Frage. Seine Kritik setzte daran an, dass das von-Millersche-Gutachten
auf falschen Annahmen beruhe: Der Gasabsatz sei generell
zu hoch veranschlagt und die Verzinsung des Eigenkapitals unberücksichtigt
geblieben. Zudem sei die Verteuerung des Koksbezuges gegenüber
Städten mit Eigenerzeugung in Ansatz zu bringen. Bevor die
PGAG einen entsprechenden Liefervertrag unterschreibe, müssten
Abkommen mit Großabnehmern wie der IG Farben in Ludwigshafen
abgeschlossen werden. Erst danach komme die Stilllegung einzelner
Gaswerke in Frage. Liese kam von daher zu der Schlussfolgerung, "daß
die Ausführung der Ferngasversorgung (...) ein wirtschaftliches und risikofreies Unternehmen
nicht bilden, daß vielmehr auf fahre hinaus mit erheblichen Verlusten für
die Gesellschaft gerechnet werden muß und damit auch für die ihr angeschlossenen
Städte".2()1
Mit dieser eindeutig negativen Stellungnahme gab Liese die Politik der
Stadt Ludwigshafen für die nächsten Jahre vor; eine Ferngasversorgung
wollte sie unter allen Umständen verhindern. Gelang es Ludwigshafen
bis vor der Machtübernahme noch, die PGAG für ihre eigenen Interes-266
LA Speyer: H 3 Nr. 10 687: Gutachten für die Pfälzische Gas AG; auch Saarbrükker
Ztg. vom 6.4.1933: Saarferngas und Pfalz: das Gutachten Oskar von Millers; Rothenberger
(1995), S. 56 f.
26 ' LA Speyer: H 3 Nr. 7706 III: Bericht über den Stand der Gasfernversorgung der
Pfalz vom 26.6.1933
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