Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

untermauern,  noch  besaßen  die  in  Frage  kommenden  Gaswerke  in
Kaiserslautern,  Pirmasens  oder  Zweibrücken  ein  wirkliches  Interesse  an
der  Stilllegung  ihrer  Anlagen.  Auch  die  Frage,  ob  die  einzelnen
Gemeinden  zuerst  das  Gas  beziehen  sollten,  oder  ob  sie  sich  zu  einem
Zweckverband  zusammenschließen  sollten,  blieb  ungeklärt.  Die  Pläne
verschwanden  erst  einmal  in  der  Schublade.218
Mehr  als  ein  Jahr  später,  im  Frühjahr  1928,  als  sich  an  Ruhr  und  Saar
der  Aufbau  der  Ferngasversorgung  weiter  konkretisierte,  sah  sich  die
pfälzische  Gaswirtschaft  zum  Handeln  gezwungen.  Sie  musste  zu  diesem
  Zeitpunkt  befürchteten,  jeglichen  Einfluss  auf  die  Gestaltung  der
Ferngasversorgung  und  die  Aufteilung  der  Interessengebiete  zwischen
der  saarländischen  und  der  Ruhrgas  Wirtschaft  zu  verlieren.  Sie  stand  vor
der  Alternative,  als  Spielball  der  Hauptakteure  zu  einer  beliebigen  Verhandlungsmasse
  zu  werden,  oder  als  eigenständige  Instanz  die  Entwicklung
  in  ihrem  eigenen  Sinne  zu  gestalten.  Obwohl  nach  wie  vor  die
meisten  Vertreter  der  kommunalen  Gaswerke  dem  Aufbau  einer  Ferngasversorgung
  eher  skeptisch  gegenüberstanden,  erklärten  sie  sich  zur
Gründung  einer  eigenständigen  Gesellschaft  in  der  Pfalz  bereit,  um
möglichen  Anbietern  von  Kokereigas  nicht  einzeln,  sondern  als  geschlossene
  Interessengruppe  entgegenzutreten.219  Auch  aus  diesem
Grund  gründeten  die  in  Frage  kommenden  Akteure  im  Mai  1928  zur
Pfälzischen  Gas  AG.220
Inzwischen  nahm  das  Bauvorhaben  der  saarländischen  Ferngaswirtschaft
  deutlichere  Konturen  an.  Man  beabsichtigte,  eine  großdimensionierte
  Leitung  in  die  Pfalz  zu  legen,  die  sich  in  Homburg  teilen  sollte,
um  in  einer  südlichen  Linie  Zweibrücken,  Pirmasens,  Landau,  Herxheim,
  Germersheim,  Speyer,  Schifferstadt  und  Ludwigshafen  sowie  in
einer  nördlichen  Linie  Landstuhl,  Kaiserslautern,  Neustadt,  Dürkheim,
Grünstadt,  Frankenthal  und  Ludwigshafen  zu  erfassen.  In  Ludwigshafen
  sollte  die  Leitung  den  Rhein  überqueren,  um  die  Belieferung  gege¬218

  Landauer  Anzeiger  vom  19.9.1927:  Bedenken  gegen  das  Ferngas-Problem;
Schleyer  (1934),  S.  45  ff.;  Rothhenberger  (1995),  S.  48  f.;  der  Gutachter  Ludwig  schlug
1927  alternativ  die  Gründung  eines  kommunalen  Zweckverbandes  oder  zweier  getrennter
  Gesellschaften,  einer  Betriebsgesellschaft  zur  Erstellung  des  Rohrnetzes  und
einer  Vertriebsgesellschaft  vor.
20  Pfälzische  Volksztg.  vom  9.2.1928:  Ferngas  für  die  Pfalz;  Landauer  Anzeiger  vom
10.2.1928:  Ferngasversorgung  für  die  Pfalz;  Pfälzischer  Merkur  vom  21.2.1928:  Pfälzische
  Ferngasversorgung
220  Zum  Diskussionsprozess  in  den  Kommunen  vgl.  stellvertretend  den  Fall  Kaiserslautern:
  LA  Speyer  H  3/7706  I:  Sitzung  des  Stadtrates  vom  15.3.1928;  vgl.  auch  Tholl
(1979),  S.  26

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