Die Position zur Unabhängigkeit in der Gasversorgung wurde noch dadurch
bestärkt, dass Frankfurt mit seiner Gasversorgung nicht nur
energiewirtschaftliche, sondern weit reichende politische Zielsetzungen
verband. Auf der einen Seite hatte sich Frankfurt zum unangefochtenen
wirtschaftlichen Mittelpunkt des Rhein-Mainischen-Städtekranzes entwickelt.
Mittehristig wollte es seine Vormachtstellung als süddeutsche
Metropole ausbauen. Auf der anderen Seite war Frankfurt "inmitten einer
von tradierten ]/erwaltungsgren%en extrem zerklüfteten Region gelegen, die südlichste
Grenzstadt einer preußischen Provinz eingeklemmt zwischen den hessischen Provinzen
Starkenburg und Oberhessen".123 Das politische Ziel bestand deshalb
darin, über eine weiträumige Gruppengasversorgung und ein interkommunales
Verbundsystem die Voraussetzungen für die Aufhebung
der überkommenen Ländergrenzen und eine Neugliederung unter führender
Stellung Frankfurts zu schaffen. Es ist leicht nachvollziehbar,
dass Frankfurt angesichts seiner eigenen Expansionspläne keinerlei Interesse
an einer Ferngasversorgung besaß, wie sie die Ruhrgaswirtschaft
ins Spiel brachte.
Demgegenüber vertraten die hessischen Städte Darmstadt, Worms und
Mainz keine dezidiert politische Strategie. Ihre Position schwankte zwischen
Aufrechterhaltung der Eigenerzeugung unter Ausdehnung des
eigenen Versorgungsgebietes in der unmittelbaren Nachbarschaft und
einer möglichen Kooperation mit den Ferngasunternehmen. Am Gaswerk
von Darmstadt zum Beispiel nagten Mitte der 20er-Jahre die Spuren
der Zeit; von einer Ferngasversorgung erhoffte sich die Stadt, die
notwendigen Investitionen für den Neubau oder Umbau umgehen zu
können. Die Darmstädter Industrie- und Handelskammer machte sich
aus Gründen der Chancengleichheit für eine Ferngasversorgung der gesamten
Provinz stark.124 Worms wollte seinen Spitzenbedarf über
Fremdbezug abdecken. Mainz hatte sein Gaswerk 1925 modernisiert
und auf eine Tagesleistung von 100.000 Kubikmeter ausgebaut, sich
aber verschiedene Optionen offen gehalten. Einerseits wollte die Stadt
die Eigenerzeugung aufrechterhalten und von hier aus eine Gruppengasversorgung
für die Provinzen Starkenburg und Rheinhessen aufbauen.
Andererseits bestanden Pläne, unter Mitwirkung des Ruhrbergbaus
eine eigene Kokerei in Mainz zu errichten.125
123 Rebentisch (1974), S. 68
12^ Vgl. Alles fließt (1980), S. 51
^23 Wilhelm (1971), S. 128; Keibner (1983), S.l; Mainzer Journal vom 30.7.1926. Die
Stadt Mainz und die Ferngasversorgung; Raupp (1927), S. 10; Mainzer Anzeiger vom
23.3.1929: Mainz und die Gasversorgung: Eigenwirtschaft oder Fernbezug? und
Mainzer Anzeiger vom 16.4.1929: Die wirtschaftliche Bedeutung einer Kokerei in
Mainz
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