Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Die  Position  zur  Unabhängigkeit  in  der  Gasversorgung  wurde  noch  dadurch
  bestärkt,  dass  Frankfurt  mit  seiner  Gasversorgung  nicht  nur
energiewirtschaftliche,  sondern  weit  reichende  politische  Zielsetzungen
verband.  Auf  der  einen  Seite  hatte  sich  Frankfurt  zum  unangefochtenen
wirtschaftlichen  Mittelpunkt  des  Rhein-Mainischen-Städtekranzes  entwickelt.
  Mittehristig  wollte  es  seine  Vormachtstellung  als  süddeutsche
Metropole  ausbauen.  Auf  der  anderen  Seite  war  Frankfurt  "inmitten  einer
von  tradierten  ]/erwaltungsgren%en  extrem  zerklüfteten  Region  gelegen,  die  südlichste
Grenzstadt  einer  preußischen  Provinz  eingeklemmt  zwischen  den  hessischen  Provinzen
  Starkenburg  und  Oberhessen".123  Das  politische  Ziel  bestand  deshalb
darin,  über  eine  weiträumige  Gruppengasversorgung  und  ein  interkommunales
  Verbundsystem  die  Voraussetzungen  für  die  Aufhebung
der  überkommenen  Ländergrenzen  und  eine  Neugliederung  unter  führender
  Stellung  Frankfurts  zu  schaffen.  Es  ist  leicht  nachvollziehbar,
dass  Frankfurt  angesichts  seiner  eigenen  Expansionspläne  keinerlei  Interesse
  an  einer  Ferngasversorgung  besaß,  wie  sie  die  Ruhrgaswirtschaft
ins  Spiel  brachte.
Demgegenüber  vertraten  die  hessischen  Städte  Darmstadt,  Worms  und
Mainz  keine  dezidiert  politische  Strategie.  Ihre  Position  schwankte  zwischen
  Aufrechterhaltung  der  Eigenerzeugung  unter  Ausdehnung  des
eigenen  Versorgungsgebietes  in  der  unmittelbaren  Nachbarschaft  und
einer  möglichen  Kooperation  mit  den  Ferngasunternehmen.  Am  Gaswerk
  von  Darmstadt  zum  Beispiel  nagten  Mitte  der  20er-Jahre  die  Spuren
  der  Zeit;  von  einer  Ferngasversorgung  erhoffte  sich  die  Stadt,  die
notwendigen  Investitionen  für  den  Neubau  oder  Umbau  umgehen  zu
können.  Die  Darmstädter  Industrie-  und  Handelskammer  machte  sich
aus  Gründen  der  Chancengleichheit  für  eine  Ferngasversorgung  der  gesamten
  Provinz  stark.124  Worms  wollte  seinen  Spitzenbedarf  über
Fremdbezug  abdecken.  Mainz  hatte  sein  Gaswerk  1925  modernisiert
und  auf  eine  Tagesleistung  von  100.000  Kubikmeter  ausgebaut,  sich
aber  verschiedene  Optionen  offen  gehalten.  Einerseits  wollte  die  Stadt
die  Eigenerzeugung  aufrechterhalten  und  von  hier  aus  eine  Gruppengasversorgung
  für  die  Provinzen  Starkenburg  und  Rheinhessen  aufbauen.
  Andererseits  bestanden  Pläne,  unter  Mitwirkung  des  Ruhrbergbaus
  eine  eigene  Kokerei  in  Mainz  zu  errichten.125

123 Rebentisch  (1974),  S.  68
12^  Vgl.  Alles  fließt  (1980),  S.  51
^23  Wilhelm  (1971),  S.  128;  Keibner  (1983),  S.l;  Mainzer  Journal  vom  30.7.1926.  Die
Stadt  Mainz  und  die  Ferngasversorgung;  Raupp  (1927),  S.  10;  Mainzer  Anzeiger  vom
23.3.1929:  Mainz  und  die  Gasversorgung:  Eigenwirtschaft  oder  Fernbezug?  und
Mainzer  Anzeiger  vom  16.4.1929:  Die  wirtschaftliche  Bedeutung  einer  Kokerei  in
Mainz

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