Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

sei.  Eine  überregionale  Versorgung  gehöre  dagegen  keineswegs  in  das
unmittelbare  Aufgabengebiet  der  Gemeinden,  zumal  für  eine  überörtliche
  Versorgung  bereits  Leitungsnetze  vorhanden  seien.  Ein  gemischtwirtschaftliches
  Unternehmen  komme  den  Interessen  der  Kommunen
durchaus  entgegen.103  Auch  die  Vertreter  der  Stadt  Saarbrücken,  Oberbürgermeister
  Hans  Neikes  und  der  Beigeordnete  Armbrüster,  gingen
nach  und  nach  von  ihrer  ursprünglichen  Position  -  der  Gründung  eines
rein  kommunalen  Unternehmens  -  ab.  Die  Stadt  Saarbrücken,  so  Neikes,
  müsse  nicht  nur  ihr  eigenes  Interesse,  sondern  auch  gesamtwirtschaftliche
  Ziele  wie  die  Unterstützung  der  saarländischen  Kohlewirtschaft
  wahrnehmen.  Im  Übrigen  komme  man  nach  seiner  Ansicht  im
Bereich  der  fünf  preußischen  Landkreise  an  der  GBG  nicht  vorbei,  da
sie  langfristig  über  die  Wegerechte  und  die  Konzessionsverträge  verfüge.
  Leitungen  unter  Umgehung  der  bestehenden  Konzessionsgebiete
der  GBG  erforderten  indessen  einen  viel  zu  hohen  Kapitalaufwand.
Vordringlich  sei  vielmehr  die  schnellstmögliche  Gründung  eines  gemischtwirtschaftlichen
  Unternehmens,  um  nicht  weiter  Boden  gegenüber
  der  Ruhrgaswirtschaft  zu  verlieren.
Angesichts  dieses  Positionswandels  der  Saarbrücker  Vertreter  gerieten
die  beiden  saarpfälzischen  Bürgermeister  mit  ihrer  Auffassung  ins  Abseits.
  Sie  wurden  phasenweise  nicht  mehr  zu  den  Besprechungen  der
Kommunalvertreter  eingeladen.  Lediglich  die  Sozialdemokraten  unter
ihrem  Vorsitzenden  Max  Braun  lehnten  über  ihr  Presseorgan,  die
"Volksstimme",  eine  gemischtwirtschaftliche  Gesellschaft  weiterhin
entschieden  ab:  "Gerade  die  Geschichte  der  RUGE  als  einer  gemischtwirtschaftlichen
  Gesellschaft  hat  gezeigt,  daß  einerseits  die  privatkapitalistische  Seite  solche  Gesellschaften
  lediglich  als  ein  Geschäfts-  und  Ausbeutungsobjekt  %ur  Verbesserung
der  eigenen  Rentabilität  und  Gewinnchancen  und  als  Großauftraggeber  betrachtet
und  daß  andererseits  die  Geschäftsführung  in  solchen  gemischtwirtschaftlichen  Gesellschaften
  trotz  gemeinwirtschaftlicher  Mehrheit  gang  privatkapitalistisch  aufgezogen
  und  eingestellt  sein  kann,  und  dann  sowohl  in  ihrer  Wirtschafts-  wie  in  ihrer
Sozialpolitik  sich  reaktionär  auswirkt.  Auch  hat  sie  bewiesen,  daß  kommunale
Mehrheiten  zu  leicht  durch  geschicktes  Vorgehen  der  privatkapitalistischen  Seite  in
den  Aufsichtsratssitzungen  wie  im  Präsidium  zu  kommunalen  Sonderheiten  gemacht
  werden  können"
Auch  die  Produzentenseite  erwies  sich  -  wenn  auch  aus  anderen  Motiven
  -  als  ein  entschiedener  Gegner  einer  kommunalwirtschaftlichen
Lösung,  sie  bevorzugte  eine  privatwirtschaftliche  Organisation  unter

A  Stadtverband  Sbr.  G-S/7:  Besprechung  vom  22.2.1928
^■4  Braun  (1928);  ähnlich  Volksstimme  vom  9.6.1928:  Vom  Plan  zur  Tat!  Saarländische
  Ferngas-Möglichkeiten.

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