B. Der Aufbau der Ferngasversorgung im Saargebiet
1. Der Konstituierungsprozess der Ferngasgesellschaft Saar
Völlig entgegengesetzt zum rheinisch-westfälischen Industriegebiet
gestaltete sich die Ausgangslage an der Saar, ln Westdeutschland resultierte
das Projekt einer nationalen Ferngasversorgung aus der Rationalisierung
der Energie- und Wärmewirtschaft der Ruhrzechen. Im Saargebiet
entstanden entsprechende Initiativen dagegen erst, als die saarländische
Gaswirtschaft befürchten musste, frühzeitig benachbarte Regionen
wie die Pfalz und Hessen, aber auch Baden, Württemberg und
Bayern als potenzielle Absatzgebiete an die Ruhrgaswirtschaft zu verlieren.
Die Pläne für eine Ferngasversorgung Deutschlands trafen indessen
die saarländischen Erzeuger sowohl technisch als auch organisatorisch
weitgehend unvorbereitet.
Die technischen Voraussetzungen für eine Ferngasversorgung standen
stark unter dem Primat der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Aufgrund
der politischen und ökonomischen Abtrennung des Saargebiets
von Deutschland hingen die einheimischen Eisenhütten nach dem
Ersten Weltkrieg weiterhin von der Lieferung lothringischer Minette
und Saarkoks ab. Beide Rohstoffe wiesen jedoch erhebliche qualitative
Defizite gegenüber schwedischem Eisenerz und Ruhrkoks auf, auf die
die Kokereien im rheinisch-westfälischen Industriegebiet zurückgriffen.
Während die Saarhütten für eine Tonne Roheisen drei bis 3,5 Tonnen
Minette und etwa 1,1 Tonnen Koks benötigten, reichten den Eisenhütten
an Rhein und Ruhr zwei Tonnen Schwedenerz und 750 Kilo
Koks.87 Im Gegensatz zur Ruhr stellten nicht die Zechen, sondern die
hütteneigenen Kokereien den Koks bereit. Nicht zuletzt infolge der
unzureichenden Investitionsbereitschaft der - überwiegend von ausländischen
Kapitalgruppen beherrschten - Stahlunternehmen (Nord et
Lorraine, Pont-ä-Mousson, Marmichpont-Gruppe) unterblieben zukunftsweisende
technologische Investitionen. Auch die Kokereien galten
Mitte der 20er-Jahre als überwiegend veraltet, die Wärmewirtschaft
entsprach dem Vorkriegszustand. 1926 arbeiteten noch 361 Abhitzeöfen
- von den insgesamt 1.320 bei den saarländischen Eisenhütten
vorhandenen Koksöfen - mit einem Eigengasverbrauch von bis zu 100
Prozent, 875 Regenerativöfen wiesen einen Eigengasbedarf zwischen
55 und 60 Prozent auf und lediglich 84 auf Gichtgas umgestellte Koksöfen
konnten 100 Prozent des von ihnen erzeugten Koksgases für externe
Verwendungszwecke abgeben. Infolgedessen blieb auch die
Vgl. Reichskuratorium (1938), S. 70; Latz (1985), S. 226
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