Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Rheinland  und  Westfalen  Gruppengasversorgungsgebiete  werden,  daß  Zechengas  in
benachbarten  Gebieten  für  Voll-  und  Zuschußgasbelieferungen  vor  allem  für  die  Industrie
  in  Frage  kommt,  und  daß  die  Zechengasfemversorgung  in  abliegenden  Gebieten
  mit  wachsender  Entfernung  immer  mehr  ab  klingt.  "86
Der  Formierungsprozess  in  der  westdeutschen  Gaswirtschaft,  der  sich
Ende  der  20er-Jahre  vollzog,  lässt  sich  dahingehend  zusammenfassen,
dass  sich  ein  dreistufiges  System  von  Gasversorgungsunternehmen  herausbildete,
  das  in  ähnlicher  Form  auch  heute  noch  Bestand  hat.  Ergänzten
  sich  bis  zu  den  Umbruchsjahren  1927/28  kommunale  Gasversorgungsunternehmen
  und  eine  Reihe  zersplitterter  Gashandelsunternehmen,
  die  i.d.R.  mit  den  Zechen  als  Kokereigaslieferanten  in  enger
Verbindung  standen,  entwickelte  sich  im  Zuge  der  Ferngasversorgung
ein  arbeitsteiliges  System  von  überregionalen  Ferngasunternehmen
(RAG,  TGW),  regionalen  Gas(verteilungs)-unternehmen  (WFG,  VEW)
und  Kommunalbetrieben,  die  teilweise  die  Eigenerzeugung  aufrechterhielten
  oder  zum  Fremdbezug  von  Kokereigas  übergingen.  Die  überregionalen
  Ferngasgesellschaften  beherrschten  seitdem  nicht  zuletzt  aufgrund
  der  Verfügung  über  das  Kokereigas  die  Gasbeschaffung,  den  interregionalen
  Gastransport  und  die  Belieferung  der  wichtigsten  Industriekunden.
  Infolge  ihrer  wirtschaftlichen  Macht,  die  gerade  im  Falle
der  RAG  weit  über  den  unmittelbaren  gaswirtschaftlichen  Zusammenhang
  hinausging,  verstanden  sie  es,  die  kommunale  Eigenständigkeit  in
der  Gasversorgung  aufzubrechen.  Erfolgreich  gelang  es  ihnen,  wie  etwa
die  Fälle  Flannover  und  Köln  zeigen,  ihre  gaspoliüschen  Bestrebungen,
mit  den  allgemeinpolitischen,  beschäftigungs-  und  wirtschaftspolitischen
  Interessen  der  betroffenen  Kommunen  und  Regionen  zu  verbinden.
  Auf  der  anderen  Seite  konnten  die  betroffenen  Städte  teilweise
auch  ihre  eigenen  Interessen  durchsetzen.  Während  Berlin  in  den  30er-Jahren
  den  Anschluss  an  das  Ferngasnetz  verhindern  konnte,  gelang  es
beispielsweise  Düsseldorf,  die  Eigenerzeugung  aufrechtzuerhalten  und
auf  das  Ferngas  nur  zur  Spitzenbedarfsdeckung  zurückzugreifen.  Köln
hatte  sich  durch  den  Bau  einer  Kokerei  und  die  Option  auf  den  Abbau
der  stadteigenen  Kohlenfelder  ein  Stück  Autonomie  gewahrt.  Hannover
  schließlich  gab  zwar  die  Eigenerzeugung  auf,  hatte  aber  dem  heimischen
  Bergbau  eine  Zukunftsperspektive  eröffnet.  Da  sich  die  überregionalen
  Ferngasunternehmen  darüber  hinaus  vertraglich  die  Belieferung
  der  Konzernwerke,  teilweise  aber  auch  der  absatzstarken  Industriekunden
  sicherten,  blieb  den  kommunalen  Gasunternehmen  i.d.R.
nur  die  Versorgung  der  Haushaltskunden,  des  Kleingewerbes  und  der
verbleibenden  Industriebetriebe.

86  Nübling  (1929),  S.  1893

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