Gleichzeitig entwickelte die Ruhrgas AG ein völlig neuartiges Industriegaspreissystem,
das den in Frage kommenden Betrieben erlaubte, auf
Gas umzusteigen. Die Lieferung von Kokereigas zum Gegenwert einer
vergleichbaren Menge hochwertiger Kohle ermöglichte der RAG, Konzernwerken
die so genannten "anlegbaren Gaspreise" einzuräumen. "Darunter
versteht man den Preis, der - ohne Abrechnung der durch Gasverwendung sich
ergebenden fabrikatorischen Irorteile - nicht, oder mindestens nicht wesentlich hoher
liegt, als die Aufwendungen des belieferten Industriewerkes für andere in Wettbewerb
stehende Brennstoffe betragen würde".191930 wurden in Deutschland bereits
7,3 Mio. Einwohner in 275 Orten aus insgesamt 64 Kokereien mit
Ferngas versorgt. Neben der Ferngasversorgung in Westdeutschland
bestanden weitere überregionale Kokereigasversorgungen in Oberschlesien,
Niederschlesien und Sachsen.80 Einzelne Städte wie Münster
und Hamm erhielten das Kokereigas in dieser Phase noch direkt von
den Kokereien.81
Als Gegenmodell zur Ferngasversorgung mit Hilfe des Kokereigases
erweiterten die Gaswerke Süddeutschlands ihre Absatzgebiete auf der
Basis von Gruppengasversorgungen. Der Direktor der Technischen
Werke Stuttgart etwa, Richard Nübling, gehörte zu den entschiedensten
Gegnern einer Kokereigasfernversorgung, weil die Technischen Werke
Stuttgart eigene Expansionspläne in Württemberg geltend machten.
1927 nahm die AfK erstmals Kontakt mit der Stadt auf. Stuttgart wollte
das Kokereigas aber höchstens zur Abdeckung der Bedarfsspitzen einsetzen,
während die AfK zu einer Zuschussgaslieferung nur bereit war,
wenn die Stadt eine jährliche Abnahme von mindestens 50 Mio. Kubikmeter
garantierte. In diesem Fall wäre der Eigenerzeugungsanteil auf
ein Drittel gesunken. Vor diesem Hintergrund lehnte der Stadtrat im
Mai 1928 das Angebot ab. Stattdessen erweiterten die Werke ihre technischen
Anlagen; u.a. errichteten sie 1929 einen riesigen Scheibengasbehälter
mit 300.000 Kubikmeter und 1930 eine Horizontalkammer¬0
Hartwig (1936), S. 275 f.; Berliner Börsen-Ztg. vom 29.7.1936: Ferngas als industrieller
Energiefaktor
89 Vg[ Verband (1928), S. 15; Lücke (1933), S. 136 f.: In Niederschlesien wurde schon
1911 eine Kokereigasversorgung von den Zechen aus dem Waldenburger Kohlenrevier
aufgebaut. 1930 waren bereits 190.000 Einwohner angeschlossen. 1929 gründete
der Provinzialverband Niederschlesien die Ferngas Niederschlesien AG, um weitere
Gemeinden an das Netz anschließen zu können. In Oberschlesien wurde 1928 das
Großgaswerk Beuthen-Hindenburg GmbH gegründet, das Kokereigas von drei benachbarten
Zechen für die Spitzenlast erhielt. Das Fernleitungsnetz in Sachsen betrug
1930 ca. 62 Kilometer, wobei insgesamt 17 Gemeinden von der Kokerei des Flrzgebirgischen
Steinkohlen-Aktienvereins beliefert wurden.
81 Vgl. DeUweg (1934), S. 63
270