Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Gasgesellschaften  als  Zwischenhändler  den  Großteil  des  Gewinnes  ab.
Ähnliche  Befürchtungen  wie  für  die  Gaspreise  galten  für  die  Kokslieferungen.
  Nach  Aufgabe  der  Eigenerzeugung  mussten  die  Städte  den
Koks  von  den  Ruhrzechen  beziehen;  sie  konnten  auch  hier  monopolistische
  Preise  nicht  ausschließen,  da  die  Konkurrenz  durch  den  Gaskoks
  entfallen  wäre.42
Weit  auseinander  gingen  die  Meinungen  auch  über  die  Arbeitsplatzeffekte
  beim  Übergang  zu  einer  Kokereigasversorgung.  Mit  hoher  Wahrscheinlichkeit
  konnten  Arbeitsplätze  in  den  Kohlenrevieren  gesichert
werden,  doch  dem  standen  Arbeitsplatzverluste  zwischen  25.000  und
60.000 in  den  örtlichen  Gaswerken  gegenüber.43  Wenig  stichhaltig  war
hingegen  das  Argument  der  AfK,  dass  infolge  der  prognostizierten  Absatzsteigerung
  der  überwiegende  Teil  der  Arbeitsplätze  für  die  dann
notwendigen  Installations-  und  Umstellungsarbeiten  gesichert  werden
könnte.
Versucht  man  die  Einschätzungen  der  kommunalen  Vertreter  näher  zu
hinterfragen,  fällt  eine  generelle  Beurteilung  schwer.  Gerade  in  den
größeren  Städten  waren  die  Gaswerke  längst  als  Aktiengesellschaften
oder  Regiebetriebe  aus  der  städtischen  Verwaltung  ausgegliedert  und
somit  vielfach  dem  unmittelbaren  politischen  Zugriff  entzogen.  Demgegenüber
  hatte  sich  gerade  in  den  kleineren  Ortschaften  die  Eingliederung
  der  Eigenbetriebe  in  den  Verwaltungsapparat  nicht  unbedingt
bewährt.  In  zahlreichen  Fällen  konnten  die  Werke  nicht  oder  nur  mit
großer  zeitlicher  Verzögerung  auf  energiepolitische  Veränderungen  reagieren.
  Die  politische  Einflussmöglichkeit  behinderte  betriebswirtschaftliche
  und  technische  Innovationen,  etwa  die  schnelle  Anpassung
der  Gaspreise.  In  Hinblick  auf  die  Kohlebelieferung  und  den  erforderlichen
  Rückgriff  auf  die  Ruhrkohle  setzten  sich  die  meisten  Gaswerke
zudem  längst  der  Preispolitik  der  Zechen  aus.  Nur  in  Norddeutschland
bestand  zwischen  Ruhrkohlen  und  englischen  Kohlen  eine  offene
Konkurrenz.  Ähnliches  galt  für  die  Nebenproduktenmärkte  für  Koks,
Teer  und  Ammoniak,  die  allesamt  die  Ruhrkokereien  beherrschten.
Wenig  Plausibilität  besitzt  auch  die  Vermutung,  dass  der  Kokereigasbezug
  zwangsläufig  eine  Verminderung  städtischer  Einnahmen  mit  sich
bringen  musste.  "Ob  die  kleinen  Gaswerke  Kohlen  oder  Gas  begehen,  ist  für  die
wirtschaftliche  Selbständigkeit  ziemlich  belanglos.  Das  Geschäft  machen  die  kleinen
Werke  nicht  in  der  Gaserzeugung;  da  sie  den  IKebenproduktenmarkt  nicht  beherrschen,
  sondern  bei  der  Gasverteilung  und  im  Gasabsatz.  Die  wirtschaftliche  Selb-42
  Vgl.  Verband  (1928),  S.  28;  Merkel  (1928),  S.  494;  Elsas  (1928),  S.  773
4^  Vgl.  Winkeier  (1926),  S.  1130;  Jakob  (1927),  S.  256;  auch:  Frankfurter  Tagespost
vom  22.12.1926:  Gasversorgung  Deutschlands  durch  die  Ruhrzechen  oder  durch  die
örtlichen  Gaswerke?

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