Obwohl sich generelle Aussagen über die finanziellen Vorteile des Kokereigasbezugs
gegenüber der Eigenerzeugung verbieten, lassen sich die
Argumente dahingehend zusammenfassen, dass der Kokereigasbezug
für kleine Gaswerke finanzielle Vorteile mit sich brachte, für große
Gaswerke eine Umstellung aber nur dann Sinn machte, wenn der steigende
Gasabsatz aufwendige Umbauten oder Neubauten erforderte.
Trotzdem die Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern der
Ferngasversorgung und den lokalen Interessengruppen um technische
und wirtschaftliche Gesichtspunkte kreiste, handelte es sich im Kern
um eine poliüsche Machtfrage. Denn die Kokereigasversorgung in der
vom Ruhrbergbau vorgeschlagenen Form hätte zweifellos das Gewicht
der Kommunen gegenüber den privaten Kohlenzechen geschwächt.
Deshalb muss die Debatte nicht isoliert, sondern in ihren zeitgeschichtlichen
Kontext gestellt werden; sie drehte sich eigentlich darum,
ob sich die Öffentliche Hand stärker am Wirtschaftsleben beteiligen
und aktiv in den wirtschaftlichen Prozess eingreifen oder ob sie das
Feld stärker der Privatwirtschaft überlassen sollte.
Im Verlauf des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Versorgungsengpässen
bei Nahrungsmitteln, Kleidern und Energieträgern
hatte sich das politische Kräfteverhältnis eindeutig zugunsten der Öffentlichen
Hand verschoben. Durch die Übernahme von Aktien und
die Umwandlung von Anleihen in Beteiligungen erweiterten Reich,
Länder und Kommunen ihren unternehmerischen Einflussbereich erheblich.
Nach Kriegsende sahen verschiedene Paragraphen der Reichsverfassung
vom 11. August 1919 und das allgemeine Sozialisierungsgesetz
vom 23. März 1919 die Vergesellschaftung ganzer Produktionszweige
vor; mit dem geplanten, aber nie verabschiedeten Kommunal! -
sierungsgesetz stand es darüber hinaus den Kommunen frei, privatwirtschaftliche
Unternehmen in die Gemeinwirtschaft zu überführen.36
Im Verlaufe der 20er-Jahre sah sich die ausgesprochen antikapitalistische
Stimmungslage einem Rollback der Privatindustrie gegenüber.
Neben dem wirtschaftlichen Erstarken der Privatwirtschaft, die die Inflationsjahre
zu umfangreichen Rationalisierungen, Arbeitsplatzabbau
und zur betrieblichen Konzentration und Zentralisation nutzte, sparte
die Privatwirtschaft auch nicht mit Kritik an den Regiebetrieben und
sonstigen öffentlichen Unternehmen. Man warf ihnen vor, sie seien in
einen schwerfälligen Verwaltungsapparat eingebunden, die Entscheidungswege
seien sehr langsam und ihre kaufmännische Dispositionsfäwendungen
der Kohlenbezug günstiger als der Kokereigasbezug, auch: Wolf, Adolf:
Achse oder Rohr?, in: Handels-Ztg. des Berliner Tageblatts vom 15.4.1928
36 Vgl Schülke (1921), S. 12 ff.; Schnabel-Kühn (1929), S. 20 f.; Ambrosius (1984), S.
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