Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

wirklicher  Anreiz  für  ein  Großgaswerk  die  Eigenerzeugung  einzustellen,
bestehe  nur  dann,  wenn  der  Gasverbrauch  innerhalb  weniger  Jahre  so
stark  ansteige,  dass  eine  Erweiterung  oder  gar  der  Neubau  eines  Gaswerks
  erforderlich  seien:  "Dann  würde  ein  Eemgashegug  die  für  den  Neu-  oder
die  Erweiterungsbauten  notwendigen  großen  Kapitalien  ersparen'.25
Der  Deutsche  Verein  von  Gas-  und  Wasserfachmännern  stellte  seinerseits
  die  Argumente  des  Ruhrbergbaus  auf  den  Kopf.  Nach  seinen  Berechnungen
  überstiegen  die  Kosten  des  Ferngasbezuges  die  Kosten  der
Eigenerzeugung  deutlich.  Während  der  Verband  die  "reinen"  Erzeugungskosten
  beider  Gassorten  mit  4,0  Pfg.  und  die  Kosten  für  Verzinsung
  und  Amortisation  der  bestehenden  Anlagen  mit  jeweils  0,53  Pfg.
pro  Kubikmeter  angab,  entstanden  nach  seiner  Auffassung  durch  den
Kokereigasbezug  zusätzliche  Kosten  infolge  der  Vermehrung  des  Gasbehälterraums
  (0,08  Pfg.),  für  Pensionen  und  Abkehrgelder  im  Zuge
notwendiger  Entlassungen  der  Arbeitskräfte  (0,18  Pfg.)  sowie  für  den
Mehrpreis  von  Zechenkoks  gegenüber  Gaskoks  (1,20  Pfg.).  Gesamtkosten
  des  "Eigengases"  von  4,62  Pfg.  stünden  somit  Kosten  des  Kokereigases
  von  6,2  Pfg.  gegenüber.  Infolgedessen  kam  der  Verband  zu
der  Schlussfolgerung:  "Das  Kokereifemgas  kommt  bis  gum  Gaswerksausgang
teuerer  gu  stehen  als  das  in  modernen  Gaswerken  erzeugte  Eigengas  und  gwar  ohne
und  mit  Berücksichtigung  des  Kapitaldienstes  und  auch  dann,  wenn  die  Gaswerke
auf  Grund  der  Steigerung  des  Gasverbrauchs  gezwungen  wären,  ihre  Werke  gu  erweitern'”.26

Solche  Berechnungen  hingen  -  und  so  lässt  sich  die  Diskussion  am
ehesten  zusammenfassen  -  von  einer  Reihe  ganz  spezihscher  Faktoren
ab,  wobei  das  Alter  und  die  Größenordnung  des  jeweiligen  Gaswerks
am  stärksten  die  Höhe  der  Selbstkosten  bestimmten.  Nach  einer  Aufschlüsselung
  von  1927  wiesen  215  Gaswerke  eine  Jahreserzeugung  von
weniger  als  einer  Mio.  Kubikmeter  auf,  wohingegen  die  Produktion  von
nur  26  Gaswerken  50  Mio.  Kubikmeter  pro  Jahr  überstieg.2  Zugleich
erzeugten  1.300  kleinere  Gaswerke  90  Prozent  der  Gasproduktion,
25  Alexander  (1927),  S.  572
26  Deutscher  Verein  (1927),  S.  30;  nach  Berechnungen  von  Elsas  (1928),  S.  772  ergab
der  Ferngasbezug  für  größere  Gaswerke  keine  finanziellen  Vorteile.  Auf  den  Grundpreis
  von  2,2  bis  3,8  Pfg.  müßten  die  Förderkosten  für  die  Hauptleitung  in  Höhe  von
1,7  Pfg.  sowie  für  die  vorgesehenen  Nebenleitungen  von  0,74  Pfg.  aufgeschlagen  werden,
  sodass  einem  Abnehmer  in  der  Größenordnung  Berlins  Bezugskosten  von  4,64
Pfg.  entstünden.  Diese  Summe  erhöhe  sich  durch  den  Betrieb  und  Unterhaltung  des
Gasbehälters,  Gasmessers  und  der  Regleranlagen  um  0,2  bis  0,3  Pfg.  Ferner  müßten
Reserveanlagen  mit  0,2  Pfg.  veranschlagt  werden.  Für  fünf  Pfg.  pro  Kubikmeter
könne  ein  modernes  größeres  Gaswerk  selbst  produzieren,  eine  finanzielle  Verbesserung
  sei  somit  nicht  zu  erkennen.
27  Vgl.  Bolz  (1928),  S.  722

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