Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

2.  Die  Ferngasversorgung  im  Widerstreit  der  Interessen  und
mögliche  Kompromisslösungen
Die  Pläne  der  AfK,  in  weiten  Teilen  Deutschlands  eine  Ferngasversorgung
  aufzubauen,  liefen  auf  die  weitgehende  Zentralisierung  der  Gasversorgung
  hinaus.  Zugleich  bedrohten  sie  die  kommunale  Eigenständigkeit
  in  diesem  Versorgungsbereich,  da  sie  die  Gaswerke  in  den  dann
erschlossenen  Regionen  dazu  zwang,  die  Eigenerzeugung  aufzugeben
und  die  lukrative  Belieferung  der  Industriekunden  aus  der  Hand  zu  geben.
  Folglich  formierte  sich  eine  breite  Front  von  Gegnern  der  Ferngasversorgung,
  die  so  heterogene  Gruppen  wie  die  leitenden  Angestellten
  und  Gaswerksdirektoren,  den  Deutschen  Verein  von  Gas-  und
Wasserfachmännern,  die  Arbeiter  und  Angestellten  der  Gaswerke  mit
ihrem  Dachverband,  dem  Verband  der  Gemeinde-  und  Staatsarbeiter,
sowie  einzelne  Parteien  umfasste.
Die  Ablehnung  der  Ferngasversorgung  bildete  eine  Gemengelage  wirtschaftlicher,
  technischer  und  politischer  Aspekte,  die  auf  die  Wahrung
der  eigenen  Besitzstände  hinauslief  und  eine  sachgerechte,  nüchterne
Diskussion  in  vielen  Fällen  verhinderte.
ln  technischer  Hinsicht  wollte  sich  die  Mehrheit  der  kommunalen
Gaswerke  mit  dem  Ferngasbezug  nicht  anfreunden,  da  die  Qualität  des
Kokereigases  -  so  die  Vorwürfe  der  Gas-  und  Wasserfachmänner,  die
nur  wenige  Monate  nach  der  AfK  eine  eigene  Denkschrift  veröffentlichte
  -  hinter  dem  Steinkohlengas  zurückbliebe.  Während  die  Gaswerke
  über  ausgezeichnete  technische  Einrichtungen  verfügten  und
eine  genaueste  Betriebsüberwachung  gewährleistet  sei,  sodass  eine
gleich  bleibend  hohe  Gasqualität  sichergestellt  sei,  werde  im  Ruhrgebiet
das  Kokereigas  aus  vielen  Zechen  zusammengemischt,  wobei  Art  und
Umfang  der  Gasaufbereitung  nicht  näher  erläutert  würden.  Die  vorliegenden
  Vertragsentwürfe  enthielten  sich  nicht  von  ungefähr  jeglicher
Bestimmungen  über  den  Heizwert  und  die  Beschaffenheit  des  zu  liefernden
  Gases.20
Zudem  meldeten  die  Gaswerksvertreter  erhebliche  Zweifel  an,  dass  die
Anlieferung  des  Kokereigases  zu  jeder  Zeit  sichergestellt  sei:  "Aber  es
besteht  auch  (...)  nach  der  Durchführung  der  Kokereigasfemversorgung  von  Ruhrgebiet
  aus  die  große  Gefahr;  daß  im  Streikfalle  oder  bei  Arbeitsstreitigkeiten  der
größte  Teil  Deutschlands  von  der  Gaszufuhr  abgeschnitten  werden  kann".11  Obwohl
  niemand  solche  Befürchtungen  in  den  Jahren  der  Weimarer  Republik
  völlig  von  der  Hand  weisen  konnte,  wären  selbstverständlich

2®  Deutscher  Verein  (1927),  S.  8  ff.
21  Deutscher  Verein  (1927),  S.  19

245
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.