2. Die Ferngasversorgung im Widerstreit der Interessen und
mögliche Kompromisslösungen
Die Pläne der AfK, in weiten Teilen Deutschlands eine Ferngasversorgung
aufzubauen, liefen auf die weitgehende Zentralisierung der Gasversorgung
hinaus. Zugleich bedrohten sie die kommunale Eigenständigkeit
in diesem Versorgungsbereich, da sie die Gaswerke in den dann
erschlossenen Regionen dazu zwang, die Eigenerzeugung aufzugeben
und die lukrative Belieferung der Industriekunden aus der Hand zu geben.
Folglich formierte sich eine breite Front von Gegnern der Ferngasversorgung,
die so heterogene Gruppen wie die leitenden Angestellten
und Gaswerksdirektoren, den Deutschen Verein von Gas- und
Wasserfachmännern, die Arbeiter und Angestellten der Gaswerke mit
ihrem Dachverband, dem Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter,
sowie einzelne Parteien umfasste.
Die Ablehnung der Ferngasversorgung bildete eine Gemengelage wirtschaftlicher,
technischer und politischer Aspekte, die auf die Wahrung
der eigenen Besitzstände hinauslief und eine sachgerechte, nüchterne
Diskussion in vielen Fällen verhinderte.
ln technischer Hinsicht wollte sich die Mehrheit der kommunalen
Gaswerke mit dem Ferngasbezug nicht anfreunden, da die Qualität des
Kokereigases - so die Vorwürfe der Gas- und Wasserfachmänner, die
nur wenige Monate nach der AfK eine eigene Denkschrift veröffentlichte
- hinter dem Steinkohlengas zurückbliebe. Während die Gaswerke
über ausgezeichnete technische Einrichtungen verfügten und
eine genaueste Betriebsüberwachung gewährleistet sei, sodass eine
gleich bleibend hohe Gasqualität sichergestellt sei, werde im Ruhrgebiet
das Kokereigas aus vielen Zechen zusammengemischt, wobei Art und
Umfang der Gasaufbereitung nicht näher erläutert würden. Die vorliegenden
Vertragsentwürfe enthielten sich nicht von ungefähr jeglicher
Bestimmungen über den Heizwert und die Beschaffenheit des zu liefernden
Gases.20
Zudem meldeten die Gaswerksvertreter erhebliche Zweifel an, dass die
Anlieferung des Kokereigases zu jeder Zeit sichergestellt sei: "Aber es
besteht auch (...) nach der Durchführung der Kokereigasfemversorgung von Ruhrgebiet
aus die große Gefahr; daß im Streikfalle oder bei Arbeitsstreitigkeiten der
größte Teil Deutschlands von der Gaszufuhr abgeschnitten werden kann".11 Obwohl
niemand solche Befürchtungen in den Jahren der Weimarer Republik
völlig von der Hand weisen konnte, wären selbstverständlich
2® Deutscher Verein (1927), S. 8 ff.
21 Deutscher Verein (1927), S. 19
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