Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

nung  der  Kokereigasversorgung,  wobei  die  Gemeinden  unter  allen
Umständen  verhindern  wollten,  die  Belieferung  von  Industriekunden
aus  den  Händen  zu  geben.  Auf  der  anderen  Seite  lehnten  die  meisten
Industriebetriebe  die  Umstellung  ihrer  Wärmeversorgung  auf  Gas  ab,
solange  noch  Preisaufschläge  der  Gemeindegaswerke  den  Energieträger
belasteten.  Zudem  erforderte  der  Aufbau  einer  Ferngasversorgung  erhebliche
  Kapitalmittel,  welche  das  RWE  nur  teilweise  aufbringen
konnte,  konzentrierte  es  sich  doch  in  den  20er-jahren  auf  den  Ausbau
der  Elektrizitätsversorgung.14  Schließlich  machte  sich  beim  RWE  negativ
  bemerkbar,  dass  es  zwar  mit  acht  Zechen  Lieferverträge  abgeschlossen
  hatte,  selbst  aber  keinerlei  Kokereien  besaß  und  sich  somit  in  weitgehender
  Abhängigkeit  von  den  Eieferkonditionen  der  Bergwerksgesellschaften
  befand.  Damit  blieben  dem  Unternehmen  die  Hände  gebunden,
  denn  i.d.R.  behielten  sich  die  Zechengesellschaften  vor,  gerade
die  eigenen  Konzernwerke  selbst  zu  beliefern.  Speziell  solche  Großunternehmen
  spielten  aber  für  die  Absatzpolitik  eines  Gasunternehmens
  die  ausschlaggebende  Rolle,  weil  ihr  Verbrauch  oftmals  den
Verbrauch  einer  Großstadt  übertraf.  Solcherart  Sachzwänge  setzten  einer
  Gasfernversorgung  durch  das  RWE  entscheidende  Grenzen.
Diese  Defizite  förderten  in  den  Reihen  des  Ruhrbergbaus  das  Vorhaben,
  eine  zentrale  Verkaufsorganisaüon  für  Kokereigas  zu  schaffen.  Zu
deren  Aufgaben  sollte  gehören,  die  Akzeptanz  innerhalb  der  Kommunen
  für  die  Ferngasversorgung  zu  verbessern,  genauere  Pläne  für  eine
Ferngasversorgung  zu  entwickeln  und  insbesondere  mit  Industriekunden
  in  Verhandlungen  zu  treten.  Zunächst  fanden  die  Gespräche  intern
im  Rheinisch-Westfälischen  Kohlensyndikat  statt,  welches  seit  seiner
Gründung  im  Jahre  1893  für  den  zentral  geregelten  Verkauf  der
Ruhrkohle  die  Verantwortung  trug.  Dem  zuständigen  Koksabsatzausschuss
  machten  die  Generaldirektoren  der  Vereinigten  Stahlwerke  AG
und  der  Stinnes-Zechen,  Albert  Vogler  und  Alfred  Pott,  im  August
1926  den  Vorschlag,  eine  Gesellschaft  zu  gründen,  die  sich  speziell  mit
der  Ferngasversorgung,  Fernheizung,  Kohleverschwelung  und  Kohlenstaubfeuerung
  beschäftigen  sollte.  Das  Syndikat  stimmte  den  Vorstellungen
  der  beiden  Generaldirektoren  zu;  sämtliche  Zechen  verpflichteten
  sich,  in  Zukunft  von  einem  eigenmächtigen  Vorgehen  in  der
Ferngasversorgung  abzusehen.15
Zwecks  besserer  Koordinierung  des  Aufgabenbereichs  fand  am  11.
Oktober  1926  in  Essen  die  Gründung  der  "Aktiengesellschaft  für
Kohleverwertung"  (AfK)  statt.  Obwohl  sich  daran  90  Prozent  der  Ze¬14

  Vgl.  Classen  (1958),  S.  141
^  Zu  der  Enstehungsgeschichte  der  Ruhrgas  AG:  25  Jahre  Ruhrgas  AG  (1951)

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