Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

bruch  der  Städte  in  die  Moderne.* 1  Mitunter  dominieren  sie  selbst  heute
noch  das  Bild  einer  Stadt.  Auch  als  Energieträger  besaß  das  Leuchtgas
im  Verlauf  der  Industrialisierung  eine  grundlegende  Aufgabe.  In  der
technikgeschichtlichen  Chronologie  zwischen  Dampfkraft  und  Elektrizität
  angesiedelt,  potenzierte  es  die  energetischen  Möglichkeiten  der
Dampfmaschine,  lange  bevor  sich  die  Elektrizität  der  betrieblichen
Einsatzfelder  bemächtigte.  So  wie  die  flächendeckende  Verbreitung  des
Leuchtgases  die  Industrialisierung  etwa  durch  verbesserte  Transportmöglichkeiten
  und  Abbauverfahren  der  Steinkohle  zur  Voraussetzung
hatte,  schuf  der  neue  Energieträger  seinerseits  erst  die  Basis,  die  Arbeits-
  und  Lebensverhältnisse  grundlegend  umzugestalten.
Zum  anderen  stellt  die  Gasversorgung  die  Grundlage  kommunalen
Wirtschaftens  im  modernen  Sinne  dar.  Noch  ehe  die  Städte  Wasserwerke,
  Elektrizitätswerke  und  Schlachthöfe  unterhielten,  richteten  sie
selbst  oder  über  Dritte  Gaswerke  ein  und  boten  den  Gemeindemitgliedern
  die  öffentliche  Dienstleistung  "Beleuchtung"  als  Teil  der  kommunalen
  Daseinsvorsorge  an.  Am  Übergang  von  der  alten  Ol-  oder  Petroleumbeleuchtung
  zur  modernen  elektrischen  Beleuchtung  bildet  das
Gaslicht  zugleich  den  Wendepunkt  von  der  dezentralen,  auf  die  einzelnen
  autarken  Haushalte  beschränkten  "Inselversorgung"  zur  zentralen
und  damit  leitungsgebundenen  Energieversorgung.  Zusammen  mit  den
anderen  kommunalen  Betrieben  löste  die  Gasversorgung  im  weiteren
einen  Modernisierungsschub  der  öffentlichen  Verwaltung  aus  und  bildete
  zum  Beispiel  über  eigene  Haushaltspläne  die  Grundlage  für  die
moderne  kommunale  Haushaltsführung.
In  Anbetracht  ihrer  Bedeutung  für  die  Industriekultur,  für  die  Entwicklung
  des  kommunalen  Versorgungswesens  und  als  bedeutender
Energieträger  fristet  die  Gaswirtschaft  innerhalb  der  wissenschaftlichen
Forschung  nach  wie  vor  ein  Schattendasein.  Weder  in  der  industrieund
  technikgeschichtlichen  Literatur,  noch  in  den  Darstellungen  über
das  kommunale  Versorgungswesen  und  die  Energiewirtschaft  kommt
der  Gaswirtschaft  eine  auch  nur  annähernd  gleichrangige  Stellung  wie
etwa  der  Wasserversorgung,  der  Elektrizitätswirtschaft  oder  den  Montanindustrien
  zu.  Mag  es  daran  liegen,  dass  Gas  unsichtbar,  nicht  zu
fühlen  und  oftmals  nicht  zu  riechen,  mit  unseren  Sinnen  somit  nicht  er¬A


1  Erwähnt  seien  an  dieser  Stelle  nur  die  Gasometer  in  Stuttgart-Cannstadt,  Berlin-Schöneberg,
  Saarbrücken  und  Oberhausen.

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