Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Erzeugungskosten  sowie  die  schnellere  Einführung  technischer  Neuerungen
  wie  moderner  Ofensysteme  (Vertikalöfen),  mechanischer
Kohle-  und  Koksfördereinrichtungen  und  Anlagen  zur  Gewinnung  und
Verarbeitung  der  Nebenerzeugnisse.146
Gegenüber  der  Konkurrenz  der  Elektrizität  befand  sich  die  Gaswirtschaft
  zu  Beginn  des  Jahrhunderts  in  Rückstand.  Während  es  der
Elektrizitätswirtschaft  gelang,  durch  den  Bau  von  Überlandzentralen  in
den  ländlichen  Raum  vorzudringen,  beschränkte  sich  die  Gaswirtschaft
bis  dahin  überwiegend  auf  die  städtischen  Gebiete,  Die  Gruppengasversorgung
  bildete  den  Versuch,  nicht  noch  weitere  Gebiete,  vor  allem
im  Beleuchtungssektor  an  die  aufkommende  Stromversorgung  zu  verlieren.
  Dabei  stellte  sich  heraus,  dass  der  Kapitalbedarf  von  Gasleitungen
  zwar  höher  lag  als  der  von  Stromleitungen,  der  Gastransport  an
sich  aber  billiger  war;  der  Kraftbedarf  pro  PS  übertragener  Energieeinheit
  gestaltete  sich  bei  Gas  jedoch  viermal  so  günstig  wie  bei  der
Elektrizität.147
In  technischer  Hinsicht  basierte  die  Gruppengasversorgung  vor  allem
auf  Verbesserungen  in  der  Leitungstechnik,  was  den  Transport  des  Gases
  auch  über  weite  Entfernungen  sicherstellte.  Ausgehend  von  Erfahrungen
  in  den  Vereinigten  Staaten,  wo  Erdgas  schon  seit  1880  in
Hochdruckleitungen  über  mehrere  hundert  Kilometer  transportiert
wurde,  hielten  Druckleitungen  um  die  Jahrhundertwende  auch  in  der
europäischen  Gasindustrie  Einzug.  Neben  den  Hochdruckleitungen
bestanden  noch  andere  technische  Möglichkeiten,  den  Gastransport
auch  über  große  Entfernungen  sicherzustellen.  Dazu  zählten  erstens
Anlagen,  die  natürliche  Höhenunterschiede  nutzten,  um  die  erforderliche
  Druckerhöhung  zu  erreichen,  zweitens  Anlagen,  die  die  Druckerhöhung
  durch  belastete  Gasbehälter  erreichten,  und  drittens  Anlagen,
die  die  Druckerhöhung  durch  Kapselradgebläse  oder  ähnliche  technische
  Einrichtungen  (Ventilator)  in  der  Gasanstalt  oder  am  Anfang  der
Ferngasversorgung  herstellten.148
Die  erste  Gasüberlandzentrale  in  Europa  ging  in  der  Schweiz,  in  St.
Margrethen  im  Rheintal,  in  Betrieb.  Von  der  dortigen  Anlage  wurden  seit
1900  insgesamt  zehn  Gemeinden  über  ein  Kapselradgebläse  versorgt.149
In  Deutschland  griff  man  die  Idee  zunächst  1903  in  Travemünde  auf.  Das
Seebad  erwies  sich  zwar  für  die  Errichtung  einer  eigenen  Gasanstalt  als
zu  klein,  erhielt  das  Gas  deshalb  über  eine  23  Kilometer  lange  Leitung
146  Vgl.  Geitmann  (1910),  S.  103
147  Vgl.  Petzold  (1913),  S.  202
148  Menzel  (1905),  S.  701
149  Vgl.  Menzel  (1905),  S.  701;  Petzold  (1914),  S.  6

189
            
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