Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

wiegende  Zahl  der  Kommunen  die  Eigenerzeugung  ein.  Sie  begaben
sich  damit  im  Hinblick  auf  die  Gasbeschaffung  in  die  Abhängigkeit  der
Zechengesellschaften.  Die  Entscheidung  für  den  Fremdbezug  resultierte
  vor  allem  aus  betriebswirtschaftlichen  Gründen,  weil  eine  Reihe
von  Städten  nach  der  Jahrhundertwende  als  Folge  hoher  Zuwachsraten
im  Gasverbrauch  vor  der  Alternative  standen,  die  Erzeugungseinrichtungen
  grundlegend  zu  modernisieren  oder  zum  Fremdbezug  überzugehen.
  Da  es  sich  bei  den  Gestehungskosten  des  Kokereigases  nicht  um
einen  reellen  Preis,  sondern  letztlich  um  einen  politischen  Preis
handelte,  der  die  Kokereigasanbieter  in  die  Lage  versetzte,  jeden
Selbstkostenpreis  der  kommunalen  Gaswerke  zu  unterbieten,  konnte
die  Anbieterseite  in  den  meisten  Fällen  den  Zuschlag  erhalten.  Trotzdem
  lag  die  Entscheidung  für  oder  gegen  das  kommunale  Gaswerk  im
Kompetenzbereich  der  Kommunen,  wo  sich  betriebswirtschaftliche
Rationalität  gegen  politische  Bedenken  durchsetzte.  Änderte  sich  mit
dem  Übergang  zur  Kokereigasversorgung  zwar  die  Struktur  der  Gasbeschaffung,
  blieb  der  Bereich  des  Gasabsatzes  davon  zunächst  unberührt.
  Nach  Alfred  Pott,  dem  späteren  Vorstandsvorsitzenden  der
Ruhrgas  AG,  handelte  es  sich  bei  der  Zechengasbelieferung  um  einen
reinen  Ersatz  der  Eigenerzeugung,  aber  nicht  um  eine  grundlegende
Umgestaltung  der  lokalen  Gaswirtschaft.  "Wenn  auch  die  Zechen  den  Städten
  das  Gas  %u  billigen  Preisen  lieferten,  so  waren  doch  noch  nicht  alle  I  Voraussetzungen
  für  eine  großzügige  Industrieversorgung  erfüllt.  Während  einerseits  die  Tarifpolitik
  der  Städte  die  Belieferung  von  Großindustrien  ausschloss,  waren  andererseits
die  von  den  Zechen  den  Städten  zp  liefernden  Mengen  auf  den  natürlichen  Zuwachs
begrenzt,  der  meist  durch  einen  bestimmten  Prozentsatz  der  I  hrrjahreslieferung  festgelegt
  war“.106  Die  nur  teilweise  Umgestaltung  der  Gaswirtschaft  hing
nicht  zuletzt  damit  zusammen,  dass  vor  der  Gründung  der  Ruhrgas  AG
keine  eigenständigen  überregionalen  Kokereigasunternehmen  existierten.
  Sowohl  Thyssen  als  auch  RWE,  besonders  aber  die  zahlreichen
Zechengesellschaften  betrieben  den  Kokereigasabsatz  als  reine  Diversifizierung
  ihres  eigentlichen  Geschäftsfeldes,  des  Bergbaus,  der  Hüttenindustrie
  oder  der  Energiewirtschaft.  Eine  offensive  Expansionspolitik
  hätte  schon  zu  diesem  Zeitpunkt  der  Gründung  einer  eigenen  Gesellschaft
  bedurft,  die  die  Interessen  der  in  Frage  kommenden  Anbieter
koordiniert  und  gegenüber  den  Kommunen  vertreten  hätte.  Da  aber  die
Interessen  der  Zechengesellschaften,  des  RWE  und  Thyssen  weitgehend
  auseinander  gingen,  scheiterte  bis  1926  der  Zusammenschluss
der  Kokereigasanbieter.

106  Pott  (1935),  S.  248

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