Essen Kokereigas erhielten.95 Da das RWE zu diesem Zeitpunkt mit
dem Elektrizitätswerk Westfalen bereits einen Demarkationsvertrag abgeschlossen
hatte, suchte das Unternehmen nach zusätzlichen Aufgabenfeldern.
Begünstigt durch zahlreiche Beleuchtungsverträge, die ihm
das ausschließliche Recht der Straßenbeleuchtung einräumten, sowie
durch den Umstand, dass sich nicht zuletzt die Aufsichtsgremien des
Unternehmens aus einer Reihe führender Kommunalpolitiker rekrutierten,
versuchte es die Kokereigasversorgung zu einem eigenständigen,
zukunftsträchtigen Unternehmensbereich auszubauen.96 Zwar besaß
das Unternehmen keine eigenen Kokereianlagen, doch schloss es
mit sechs verschiedenen Zechen und Bergwerksvereinen langfristige
BezugsVerträge, verstand sich also als reine Verteilergesellschaft. Neben
den kommunalpolitischen Bedenken der potentiellen Abnehmer standen
der Expansion des RWE auch Widerstände zahlreicher Gemeinden
entgegen, die die kommunale Eigenerzeugung auf alle Fälle beibehalten
wollten. Immerhin wurden 1911 bereits elf Städte mit Kokereigas
versorgt.
Während sich die Kokereigaslieferung anfangs auf benachbarte Städte
und Gemeinden beschränkte, konzentrierten sich gerade die kapitalkräftigen
Bergwerksunternehmen zunehmend auf den Absatz in revierferne
Gebiete. 1911 errichtete die zum Thyssen-Konzern gehörende
Gewerkschaft "Deutscher Kaiser" eine 47 Kilometer lange Ferngasleitung
zwischen Hamborn und Barmen. Die Leitungskapazität entsprach
einer Jahresleistung von 90 Mio. Kubikmeter. Wie auch in anderen
Städten reichten auch in Ramien die Erzeugungskapazitäten nicht mehr
aus, die Stadt verhandelte aber anfangs sowohl mit Hugo Stinnes als
auch mit August Thyssen. Barmen wollte sich das umliegende Bergische
Land mit den Städten Solingen und Remscheid als eigenes Absatzgebiet
sichern, worauf das RWE im Gegensatz zu Thyssen jedoch
nicht einging. Barmen schloss deshalb am 9. März 1910 einen Bezugsvertrag
mit Thyssen ab.97 Da sich das RWE nun nicht nur um die
Belieferung von Barmen, sondern des gesamten Bergischen Landes geprellt
sah, erwirkte es bei der Regierung eine Verfügung, wonach die
öffentlichen Wege und Straßen für den Ferngastransport gesperrt wurden.
"Daraujhin kam es %u einer Demarkation ^wischen dem KWh und Thjs-1905
übernahm das RWL auch die Anteile der Elektrizitätswerk Berggeist (EWB)
und der Bergisches Elektrizitätswerk GmbH (BEW), wobei sie zugleich in den Besitz
der Gaswerke der Städte Borbeck, Mettmann und Benrath gelangte. Im Zusammenhang
mit dem Verkauf der Aktien der AG für Gas und Elektrizität in Köln erwarb des
Essener Unternehmen zudem die Gasanstalt Rotthausen; vgl. Asriel (1930), S. 62
” Vgl. Freßen (1922), S. 54; Körting (1963), S. 337; zu den Gaswerken gehörten
Rotthausen, Borbeck, Mettmann und Dülken.
Vgl. Freßen (1922), S. 65; Schmidt (1972), S. 36
173