Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

dertwende  weitere  Erweiterungen  anstanden.  Auch  das  Geschäftsjahr
1905/06  sah  Ausbaumaßnahmen  vor,  ungeachtet  dessen  nahm  die
Stadt  davon  Abstand,  weil  sie  zur  Deckung  des  Spitzenbedarfs  zunächst
jährlich  1,7  Mio.  Kubikmeter  Kokereigas  von  der  Zeche  Victoria
Mathias  bezog.
Dort  hatten  Heinrich  Köppers  mit  Unterstützung  von  Hugo  Stinnes
1904  die  ersten  Regenerativöfen  errichtet.  Der  Preis  pro  Kubikmeter
betrug  2,5  Pfg.91  Die  Reinigung  des  Rohgases  von  Schwefelwasser  erfolgte
  im  Gaswerk,  das  auch  weiterhin  zur  Gaserzeugung  eingesetzt
wurde.  Nachdem  die  ersten  Anfangsschwierigkeiten  überwunden  waren,
  stand  1909  die  Grundsatzentscheidung  an,  die  Versorgung
vollständig  auf  Kokereigas  umzustellen.  Kritiker  warnten  aber  vor  einer
Aufgabe  der  Selbstversorgung,  weil  sie  befürchteten,  dass  sich  die  Stadt
an  den  "Energiemonopolisten"  Hugo  Stinnes  mit  weit  reichenden  Geschäftsinteressen
  im  Strom-  und  Gassektor  ausliefern  könnte.  Auch  befürchtete
  man,  dass  Gasversorgung  gegenüber  der  Elektrizitätssparte  an
Terrain  verlieren  könnte.92  Die  Kritiker  konnten  sich  jedoch  nicht
durchsetzen.  Nachdem  die  Stadt  1909  und  1910  weitere  Bezugsverträge
mit  mehreren  benachbarten  Zechen  abgeschlossen  hatte,  stellte  das
städtische  Gaswerk  schließlich  die  Erzeugung  ein.
Auch  ein  zweiter  wichtiger  Industrieller  im  rheinisch-westfälischen  Industriegebiet,
  August  Thyssen,  erkannte  frühzeitig  die  Bedeutung  der
Kokereigaswirtschaft  für  den  deutschen  Steinkohlenbergbau  und  die
Entwicklungsperspekdven  der  Kokereigasversorgung.  Nachdem  die  zu
den  Thvssen-Werken  gehörende  Kokerei  der  Gewerkschaft  "Deutscher
Kaiser"  in  Hamborn  schon  ab  1905  an  Hamborn  Kokereigas  abgegeben
  hatte,  schloss  das  Unternehmen  1907  mit  Mülheim  an  der  Ruhr
und  Oberhausen  Verträge  zur  Deckung  des  Spitzenbedarfs  ab.93  Als  die
Bezugsmengen  1909  erhöht  wurden,  legte  die  Stadt  ihr  eigenes
Gaswerk  still.  Beschwerden  über  die  Gasqualität  gehörten  anfangs  zur
Tagesordnung:  "Bei  der  Gasbelieferung  der  Stadt  Mülheim  bekam  der  Betrieb
anfänglich  oft  Klagen  gu  hören,  das  Gas  sei  schlecht,  ln  Wirklichkeit  war  das  Gas
gut.  Die  Glühstrümpfe  verrußten,  weil  sie  für  das  hochwertige  Gas  %u  wenig
X  Irbrennungsluft  ansaugten.  Der  Betrieb  begegnete  den  Klagen,  indem  er  den
Heilert  des  Gases  dem  Kuftbedarf  der  Glühstrümpfe  anpaßte"M
1905  begann  das  führende  Essener  Stromversorgungsunternehmen,  das
RWE,  mit  der  Zechengasversorgung,  indem  einzelne  Stadtteile  von

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Zur  Entwicklung  der  Essener  Gasversorgung  auch:  Petzold  (1965),  S.  65
Classen  (1958),  S.  65
Vgl.  Freßen  (1922),  S.  64;  Oefverberg  (1926),  S.  5
Huffelmann  (1927),  S.  225

f.

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