Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

barte  Städte  abzugeben.86  Auch  in  Amerika  wurden  schon  um  die  Jahrhundertwende
  ganze  Großstädte  wie  Baltimore  und  Boston  mit  Kokereigas
  beliefert,  in  Deutschland  versorgte  erstmals  im  Niederschlesischen
  Kohlenrevier  die  Kokerei  der  Friedrichshoffnungsgrube  die
Gemeinde  Hermsdorf  mit  Leuchtgas.  Wesentlich  größere  Verbreitung
fand  die  Kokereigasabgabe  aber  im  Ruhrgebiet.  Seit  1897  gab  die  Zeche
Erin  Kokereigas  an  die  Gemeinde  Castrop  ab,  das  diese  zunächst  dem
Steinkohlengas  aus  dem  Gemeindegaswerk  beimischte.  Bis  1899  verstopften
  jedoch  Naphtalinabscheidungen  die  Leitungsrohre  dermaßen,
dass  die  Gemeinde  im  folgenden  Jahr  die  Kokereigaslieferungen  wieder
einstellte.87
Während  solche  Lieferverträge  um  die  Jahrhundertwende  die  Ausnahmen
  blieben,  begann  1903  im  rheinisch-westfalischen  Industriegebiet
der  flächendeckende  Ausbau  der  Kokereigasversorgung  in  Städten  und
Gemeinden.  Am  30.  Januar  1903  setzte,  nachdem  auf  der  Schachtanlage
  Prosper  I  eine  Kondensations-,  Reinigungs-  und  Karburierungsanlage
  -  zur  Erhöhung  des  Wärmegehalts  -  errichtet  worden  war,  die  Belieferung
  der  Gemeinde  Bottrop  ein.88  1904  schloss  die  damals  noch
selbständige  Gemeinde  Hamborn  mit  dem  Gas-  und  Wasserwerk  Thyssen
  &  Co.  in  Mülheim-Styrum  einen  Liefervertrag  über  Gas  aus  der
neuerrichteten  Kokerei  bei  Schacht  IV.89
Ab  1905  erhielt  neben  der  kleinen  Ortschaft  Walsum  auch  die  Großstadt
  Essen  Kokereigas.  Essen  verfügte  seit  1855  über  eine  private  Gasanstalt,
  welche  die  Stadt  1865  nach  langwierigen  Auseinandersetzungen
mit  einer  Privatfirma  in  Eigenregie  übernommen  hatte.90  Weil  die  alte
Gasanstalt  den  Anforderungen  nicht  mehr  genügte,  errichtete  man
1867  ein  neues  Gaswerk  mit  einer  Tageskapazität  von  8.000  Kubikmeter.
  In  den  folgenden  Jahren  wurde  die  Anlage  mehrfach  erweitert  und
vergrößert.  Doch  war  sie  nicht  in  der  Lage,  der  wachsenden  Nachfrage
-  zwischen  1874  und  1887  stieg  die  Einwohnerzahl  von  5.000  auf
90.000 -  zu  begegnen.  Zunächst  plante  die  Stadt,  ein  Elektrizitätswerk
zu  errichten,  doch  als  die  Verhandlungen  mit  verschiedenen  Firmen  bis
1896  zu  keinem  Ergebnis  kamen,  bewilligte  der  Stadtrat  für  den  nochmaligen
  Ausbau  des  Gaswerks  eine  Summe  von  600.000  Mark.  Zwar
ging  1899  das  Elektrizitätswerk  in  Betrieb,  doch  tat  das  der  Entwicklung
  des  Gaswerks  keinen  Abbruch,  sodass  auch  nach  der  Jahrhun¬Zur

  Entwicklung  des  Ferngas-Gedankens  in  England  vgl.  Schäfer  (1928);  allgemein
auch  Körting  (1963),  S.  167
°7  Vgl.  Pott  (1935),  S.  247;  Ress  (1957),  S.  393  f.
on  Vgl-  Ress  (1957),  S.  394
y  Vgl.  Freßen  (1922),  S.  64;  Ring  (1954),  S.  70
0  Vgl.  im  folgenden  Gassen  (1958),  S.  12  ff.

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