die Kokereigasmengen schon 1905 den gesamten Gasbedarf des Deutschen
Reiches übertrafen. 5 * Alleine in einer Woche beispielsweise
erzeugten die Zechen Rheinlands und Westfalens soviel Überschussgas
wie es dem jährlichen Bedarf der beiden Großstädte Barmen und Elberfeld
entsprach. Durch die Einführung des so genannten fraktionellen
Ofenbetriebes - das Gas wurde innerhalb der Ersten sieben bis acht
Stunden des Verkokungsprozesses durch eine Vorlage abgefangen -
verfügte das Kokereigas auch qualitativ über eine ähnliche chemische
Zusammensetzung wie das Steinkohlengas. Vor allem stand sein Heizwert
dem des Steinkohlegases in nichts nach. Beide Gasarten besaßen
etwa 4.500 bis 5.200 WE.76 Bevor das Kokereigas an umliegende Ortschaften
abgegeben werden konnte, durchlief es zudem einen aufwendigen
Reinigungsprozess: "Das Gas aus der Eeuchtgasvorlage wird in üblicher
Weise durch Kühlung und Waschung von Teer und Ammoniak befreit, passiert
hinter den Saugern einen rotierenden Naphtalinwascher, um dann durch eine Entschwefelungsanlage
gereinigt in den Gasometer und von da in das Stadtrohmetp oder
durch einen Kompressor %u einer ferner liegenden Ortschaft befördert gu werden".11
Zum Transport griff man auf schmiedeeiserne, teilweise auch Gussrohre
von 400 bis 500 Millimeter lichter Weite und zehn bis zwölf Meter
Länge zurück, welche neben einer Bleidichtung eine Außendichtung
aus Gummi erhielten. So war insbesondere in Grubengebieten der Gefahr
von Bruch und Leckagen vorgebeugt. Um sich etwa im Falle von
Betriebsunterbrechungen oder Streik gegen Lieferausfalle abzusichern,
vereinbarten die Städte mit den Lieferanten Entschädigungen. Im Essener
Raum etwa verpflichtete sich das Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk
(RWE) für jeden nicht-gelieferten Kubikmeter Kokereigas
die betreffende Stadt mit zehn Pfg. zu entschädigend8
Wirtschaftlich standen die Städte und Gemeinden vor der Frage, ob
sich der Betrieb bei Bezug von Kokereigas finanziell günstiger gestaltete
als bei Aufrechterhaltung der Eigenerzeugung. Während sich die
Zechen- und Hüttenkokereien sowie die Zwischenhändler zunächst
über die Selbstkosten der städtischen Gaswerke erkundigten und danach
das Gas direkt oder über Zwischenhändler für 2,5 bis 3,5 Pfg. pro
Kubikmeter anboten, lagen die Gestehungskosten des Steinkohlengases
nc
D Nach Lücke (1933), S. 17 erzielten die Kokereien aus einer Tonne Kohle etwa 320
Kubikmeter Gas, von denen die Hälfte als Überschussgas betrachtet werden konnte;
vgl. auch Petzold (1914), S. 63; Gassen (1958), S. 54
Vgl. etwa Osann (1923), S. 92; auch Preßen (1922), S. 16 ff.
■ " Schreiber (1923), S. 154
^ Vgl. Gasfernversorgung (1911); Freßen (1922), S. 23 ff.; Classen (1958), S. 51
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