Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Somit  dürften  vor  dem  Ausbruch  des  Ersten  Weltkriegs  auf  den  saarländischen
  Hüttenwerken  und  denen  mit  ihnen  verbundenen  Kokereien
  Gasmaschinen  mit  einer  Kapazität  von  mindestens  75.000  PS
vorhanden  gewesen  sein.  Dies  entspricht  einer  Leistung  von  55  Megawatt.
  In  der  Mehrzahl  handelte  es  sich  dabei  um  Gichtgasmaschinen,
sodass  das  Koksgas  im  Gegensatz  zu  den  Kokereien  der  Grubenverwaltung
  für  betriebsexterne  Verwendungszwecke  zur  Verfügung  stand.
Die  Koksproduktion  der  fünf  Eisenhütten  betrug  etwa  1,5  Mio.  Tonnen,
  was  einer  Rohkohlemenge  von  weit  über  drei  Mio.  Tonnen  entsprach.
  Wenn  man  davon  ausgeht,  dass  bei  der  Verkokung  etwa  150
Kubikmeter  Gas  pro  Tonne  Kohle  entstanden,  insgesamt  also  225  Mio.
Kubikmeter  Gas  anfielen,  und  nur  zehn  Prozent  davon  nicht  im  eigenen
  Unternehmen  verbraucht  wurden,  entsprach  dies  bereits  dem
Verbrauch  sämtlicher  Nachbarstädte  und  -gemeinden  in  der  Region.  Es
lag  deshalb  nahe,  das  überschüssige  Kokereigas  extern  zu  verwenden.

2. Die  Versorgung  von  Städten  und  Gemeinden  mit  Kokereigas
a.  Die  Anfänge  der  Kokereigasversorgung  in  Deutschland
Die  Aussicht  der  Kokereien,  erhebliche  Gasmengen  für  betriebsexterne
Zwecke  abzugeben,  setzte  die  umliegenden  Städte  und  Gemeinden
unter  Zugzwang.  Gerade  diejenigen  Kommunen,  welche  in  unmittelbarer
  Nachbarschaft  einer  Hütten-  oder  Zechenkokerei  lagen,
standen  nun  vor  der  Alternative,  weiterhin  die  Eigenerzeugung  aufrechtzuerhalten
  oder  ihre  Gaswerke  stillzulegen  und  zum  Bezug  von
Kokereigas  überzugehen.  Die  Entscheidungsfindung  für  oder  wider  das
kommunale  Gaswerk  umfasste  neben  allgemeinen  technischen  Gesichtspunkten
  auch  die  jeweiligen  spezifischen  betriebstechnischen,  finanzwirtschaftlichen
  und  kommunalpolitischen  Verhältnisse  der  in
Frage  kommenden  Gemeinde.
Technisch  durfte  das  Kokereigas  in  Hinblick  auf  seine  Beschaffenheit,
Verfügbarkeit  und  Handhabbarkeit  dem  Steinkohlengas  in  nichts  nachstehen.
  Die  damals  modernsten  Retortenöfen  wie  etwa  die  Dessauer
Vertikalretortenöfen  konnten  zwar  in  24  Stunden  6.000  bis  7.000  Kubikmeter
  Gas  erzeugen,  doch  verfügten  die  meisten  städtischen  Werke
noch  über  ältere  Öfen,  die  allenfalls  bis  zu  2.500  Kubikmeter  Steinkohlengas
  gewinnen  konnten/4  Dagegen  fiel  das  Gas  auf  den  Kokereien
eben  als  "Abfallprodukt"  und  zudem  in  einem  solchen  Umfang  an,  dass

^  Vgl.  Schilling  (1911)

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