Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

Auch  auf  der  Haiberger  Hütte  beschäftigte  man  sich  frühzeitig  mit  der
Nutzung  der  Gichtgase.  Anfangs  kam  das  Gichtgas  aber  nur  in  den
Winderhitzern  der  Hochöfen  zur  Verwendung,  oder  man  fackelte  es  ab.
Teilweise  wurde  es  abgefackelt.  Versuche,  das  Gichtgas  zum  Trocknen
von  Formeisen  und  Rohren  zu  verwenden,  schlugen  zunächst  fehl,  weil
es  nicht  gelang,  das  Gichtgas  vom  Staub  zu  befreien.57  Spezielle  Trockenfilter
  erlaubten  dann  jedoch  seine  Verwendung  zum  Trocknen  von
Rohren  in  den  Rohrformereien.58  Die  1902  eingeführte  Nassreinigung,
die  die  Gichtgase  weitestgehend  von  den  Staubpartikeln  befreite,
ermöglichte  sie  sowohl  in  sämtlichen  Rohrformereien  als  auch  in  Gasmaschinen
  zu  verwenden.  Die  erste  Gasmaschine  der  Hütte  ging  1902
in  Funktion,  sie  erzeugte  Elektrizität.  Zwischen  1906  und  1908  stellte
das  Werk  drei  Gasmaschinen  mit  2.400  PS  auf.  Doch  blieben  die
Probleme  mit  der  Staubbelastung  der  Gichtgase  noch  bestehen,  sie
wiesen  weiterhin  Feinstaub  aus  Kalk  und  Ton  auf:  "Insbesondere  litten  die
Grosskraftmaschinen  unter  diesem  Staub,  der  die  Verbrennungsräume  verunreinigte,
  die  Ventile  verstopfte  und  die  Zylinder  beschädigte259  Die  Hütte  ging
deshalb  dazu  über,  das  Gichtgas  einer  zweiten,  trockenen  Reinigungsstufe,
  dem  so  genannten  Bethfilter,  zu  unterziehen.  Diese  Filter  aus
Baumwollgewebe  stellten  eine  fast  vollständige  Reinigung  sicher,  sodass
die  Gasmaschinen  ohne  Störungen  arbeiten  konnten.  1914  verfügte  das
Unternehmen  über  insgesamt  sieben  Großgasmaschinen  mit  5.090
PS.60
Neben  der  Umwandlung  der  Gichtgase  gewann  auch  die  Nutzung  der
Koksgase  am  Ende  des  19.  Jahrhunderts  an  Bedeutung.  Der  erste  derartige
  Gasmotor  ging  in  Altenwald  in  Betrieb.  Die  dortige  Kokerei  hatte
zunächst  seit  1856  versuchsweise  und  verstärkt  seit  den  80er-fahren
eine  weit  gefächerte  Nebenproduktenwirtschaft  aufgebaut,  bei  der  sie
Ammoniak,  Teer,  Leicht-,  Mittel-  und  Schweröle  gewann.61  1892  stellte
man  zwei  Gasmotoren  von  jeweils  acht  PS  zum  Antrieb  von  Wasserpumpen
  auf.  Sie  waren  die  ersten  mit  Koksofengas  betriebenen  Gasmaschinen
  der  Welt.62  Die  Maschinen  blieben  bis  1900  ununterbrochen  in
Funktion  und  wurden  später  in  einen  anderen  Betriebsteil  verlegt.  Die
Bedeutung  dieser  Entdeckung  wurde  anfangs  verkannt:  "Alan  hat  damals

57  Vgl.  Keller  (1935),  S.  68
58  Vgl.  Schug  (1929),  S.  17
59  Vgl.  Keller  (1935),  S.  83  f.
60  Vgl.  Keller  (1935),  S.  84;  Herzig  (1987),  S.  47
91  Vgl.  Becker  (1927),  S.  159;  Johannsen  (1931),  S.  136  ff.
62  Vgl.  Schöttler  (1909),  S.  51;  Kollmann  (1911),  S.  14;  Ress  (1957),  S.  392;  Banken
(2003),  S.  246

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