Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

auch  das  belgische  Stahlunternehmen  Cockerill  in  Seraing  und  der
Hörder  Bergwerks-  und  Hüttenverein  in  Hörde  bei  Dortmund  die  bestehenden
  technischen  Defizite  zu  beheben.  Insbesondere  die  hohe
Staubbelastung  des  Gichtgases  beeinträchtigte  die  Wirkungsweise  der
Motoren.  1898  errichtete  die  Berlin-Anhaitische  Maschinenbau  AG  in
Hörde  zwei  Gichtgasmotoren  mit  jeweils  600  PS.54  Von  dort  aus  trat
die  Gichtgasmaschine  ihren  Siegeszug  auch  in  den  anderen  Industrierevieren
  an.
Schon  frühzeitig  setzte  die  I  ölklitiger  Hütte  auf  Gasmaschinen,  um
Walzanlagen,  Drahtstraßen,  Transportbänder,  Hebebühnen  und  die
Kohlenstampfanlage  zu  bedienen.  Seit  1898  verwendete  man  einen  16
PS  starken  Leuchtgasmotor  der  Gasmotorenfabrik  Deutz.  Er  sollte
zum  Antrieb  einer  Transmission  in  der  Konstruktionswerkstatt  dienen.
Diese  Maschine  kam  aber  über  den  Versuchsbetrieb  nicht  hinaus,  da
sich  die  Reinigung  des  Gases  als  unüberwindbares  Problem  herausstellte.
  In  den  Filtern  schlug  sich  zwar  der  Staub,  nicht  aber  das  Wasser
nieder,  sodass  der  Zünder  sehr  schnell  verstopfte.  Trotz  dieses  Mankos
erbrachten  die  Versuche  den  Nachweis,  dass  sich  das  Gichtgas  der
Völklinger  Hochöfen  durchaus  zum  Antrieb  von  Gasmaschinen  eignete.
  Die  Unternehmensleitung  entschloss  sich  deshalb  1899,  bei  der
Maschinenfabrik  Augsburg-Nürnberg  eine  neuentwickelte  Viertaktgroßgasmaschine
  mit  600  PS  zu  bestellen.55  Die  Maschine  erwies  sich
indes  als  nicht  betriebssicher,  auch  führte  der  unregelmäßige  Gasdruck
zu  Betriebsunterbrechungen.  Die  Hütte  wandte  sich  deshalb  an  die
Firma  Cockerill,  die  bereits  reibungslos  funktionierende  Maschinen  herstellte
  und  orderte  im  Jahre  1900  drei  Gasgebläsemaschinen.  Bis  zum
Jahr  1910  gab  das  Werk  zwölf  weitere  Gasdynamomaschinen  in
Auftrag,  die  die  einheimische  Maschinenbaufabrik  Erhard  &  Sehmer
sowie  Thyssen  und  MAN  lieferten.56  Die  Maschinen  fanden  in  einem
eigenen  Werksgebäude,  dem  Gasgebläsehaus  Platz.  Zur  gleichmäßigen
Versorgung  und  Speicherung  des  Gichtgases  errichtete  die  BAMAG
1911  ein  Gasbehälter  von  5.000  Kubikmeter,  der  nachträglich  durch
Einbau  eines  zweiten  Teleskopringes  auf  7.500  Kubikmeter  erweitert
wurde.  Ab  1910  setzte  man  die  Gasmaschinen  auch  zur  Wasserförderung
  ein.  Erst  mit  dem  Bau  des  Kraftwerks  Wehrden  1912  und  dessen
Erweiterung  im  Jahre  1921  verloren  die  Gasmotoren  als  Stromlieferanten
  an  Bedeutung.

Vgl.  BMF,  30.  Jg.  (1900),  Nr.  71,  S.  514:  Die  Verwendung  der  Hoch-  und
Koksofengase  zur  Erzeugung  elektrischer  Energie
Vgl.  Johannsen  (1931),  S.  301;  Herzig  (1987),  S.  43
56  Vgl.  Johannsen  (1931),  S.  304  f.

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