Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

nur  noch  geringe  Reste  von  Schwefel,  Ammoniak  und  Zyan  aufwies.198
Gleichzeitig  entstand  insbesondere  für  die  Nebenprodukte  Koks,  Ammoniak,
  Schwefel  und  Teer  ein  eigener  Nebenproduktenmarkt,  der  zusätzliche
  Einnahmen  erbrachte.  Ingesamt  wandelten  sich  die  kleinen
Gasanlagen  der  Anfangsjahre  zu  riesigen  Gasfabriken  mit  dem  Trend
zur  Massenerzeugung.  All  diese  Faktoren  führten  dazu,  dass  die  Erzeugungskosten
  trotz  des  größeren  Maschinenparks  sanken.  Die  geringen
Gestehungskosten  ermöglichten,  das  Gas  billiger  abzugeben  und  breiten
  Bevölkerungskreisen  zugänglich  zu  machen.  Musste  beispielsweise
1868  in  St.  Ingbert  ein  Industriearbeiter,  der  etwa  einen  Gulden  zu  60
Kreutzer  am  Tag  verdiente,  für  einen  Kubikmeter  Gas  —  1.000  Kubikfuß
  mit  ungefähr  30  Kubikmeter  gleichgesetzt  -  bei  einem  Preis  von
acht  Kreutzer  pro  Kubikmeter  etwa  eine  Stunde  und  36  Minuten  arbeiten,
  war  es  1890  möglich,  bet  einem  Jahresverdienst  von  1.127  Mark,
der  Sechs-Tage-Woche  und  einem  Zehn-Stunden-Arbeitstag,  den  Kubikmeter
  Gas  in  28  Minuten  (18  Pfg.),  25  Minuten  (16  Pfg.)  oder  sogar
22  Minuten  (14  Pfg.)  zu  erarbeiten.  Damit  machte  Leuchtgas  wie  auch
andere  Produkte  binnen  weniger  Jahrzehnte  einen  Wandel  von  einem
reinen  Luxusartikel  zu  einem  für  weite  Kreise  der  Bevölkerung  erschwinglichen
  Massenartikel  durch.  Heute  entspricht  übrigens  die  gleiche
  Energiemenge  einem  Einkommen  von  fünf  Minuten.199
Parallel  mit  den  technischen  Verbesserungen  in  der  Gaserzeugung  gingen
  die  Entwicklungen  in  der  Gasanwendung  einher.  Beschränkte  sich
der  Einsatzbereich  des  Leuchtgases  in  den  Anfangsjahrzehnten  einzig
und  allein  auf  den  Beleuchtungssektor,  kamen  in  den  Jahren  vor  der
Jahrhundertwende  mit  dem  Kochen,  dem  Heizen  und  der  Warmwasserbereitung
  neue  Einsatzfelder  hinzu.200  Blieben  solche  Neuerungen
zwar  zunächst  einer  Minderheit  Vorbehalten,  überstieg  infolge  des  höheren
  spezifischen  Verbrauchs  der  Gasbedarf  dieser  Sektoren  vor  allem
in  den  Großstädten  schon  vor  dem  Ersten  Weltkrieg  den  Bedarf  für
Beleuchtung.  Auch  im  klassischen  Anwendungsbereich,  der  Beleuchtung,
  verzeichnete  die  Gasbranche  in  den  90er-Jahren  grundlegende
Neuerungen.  Dazu  zählte  insbesondere  das  Gasglühlicht  von  Auer  von
Welsbach,  das  1892  eingeführt  wurde.  Da  es  eine  fünfmal  größere
Leuchtkraft  als  die  bis  dahin  üblichen  Brenner  besaß,  dabei  aber  nur  die
Hälfte  Gas  im  Vergleich  zu  den  bis  dahin  gebräuchlichen  Argandbrennern
  benötigte,  konnte  es  bis  weit  in  das  20.  Jahrhundert  das
198  Vgl.  Bertelsmann  (1908),  S.  232;  Schäfer  (1907);  Lange  (1913)
199  eigene  Berechnungen;  nach  Horch  (1985),  S.  303;  Hößle  (1985)
2,10  Vgl.  Schäfer  (1907);  Strache  (1913);  le  Coutre  (1914),  S.  18

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