Full text : 75 Jahre Saar Ferngas AG

tung  den  Haushalt  zu  konsolidieren,  indem  sie  mehrfach  den  Zuschlag
auf  die  Einkommensteuer  erhöhte  und  neue  Steuerquellen  erschloss.  In
diesem  Kontext  erhob  die  Stadt  ab  1880  eine  Lustbarkeitssteuer  auf  bis
dahin  steuerfreie  Veranstaltungen.  Schließlich  reformierte  sie  im  gleichen
  jahr  die  Steuerveranschlagung  dahingehend,  dass  sie  die  Zuschläge
  auf  die  Klassen-  und  Einkommensteuer  wesentlich  heraufsetzte,
  gleichzeitig  aber  die  Grund-  und  Gebäudesteuer  senkte.  Unter
dem  Strich  erhöhten  sich  die  Steuereinnahmen,  weil  es  nun  möglich
war,  auch  juristische  Personen  wie  die  Eisenbahnverwaltung  oder  andere
  Betriebe  zur  Steuer  zu  veranschlagen.178
Auch  wenn  diese  kleine  Steuerreform  St.  Wendel  in  die  Lage  versetzte,
das  Haushaltsvolumen  auszudehnen  und  den  Haushalt  ausgeglichen  zu
gestalten,  zeigte  der  Bürgermeister  in  den  80er-Jahren  wenig  Neigung,
einen  neuen  Nebenhaushalt  für  eine  Versorgungseinrichtung  mit  zusätzlichen
  Unwägbarkeiten  zu  eröffnen.  Erst  in  den  70er-Jahren  erreichte
  St.  Wendel  die  vollständige  Kasseneinheit,  indem  die  Armenund
  Hospitalkasse  mit  der  allgemeinen  Stadtkasse  zusammengelegt
wurden.  Es  scheint  plausibel,  dass  in  einer  solchen  haushaltstechnischen
  Situation,  wie  sie  für  die  Mehrzahl  der  sonstigen  in  Frage  kommenden
  Gemeinden  der  Saarregion  zutrifft,  ein  öffentliches  Engagement
  in  der  Gasversorgung  geringe  Realisierungschancen  besaß.  Ähnlich
  wie  St.  Johann-Saarbrücken  und  St.  Wendel  bevorzugten  deshalb
auch  Saarlouis,  Sulzbach,  Homburg,  Dudweiler  und  Merzig  eine  privatwirtschaftliche
  Lösung.
In  dieser  "Blütezeit  des  wirtschaftlichen  Liberalismus"  erscheint  es
umso  überraschender,  wenn  ausgerechnet  kleinere  Städte  wie  etwa  St.
Ingbert  ein  solches  Vertrauen  in  die  Leistungsfähigkeit  ihrer  Haushaltsverwaltung
  besaßen,  dass  sie  das  Gaswerk  als  kommunalen  Regiebetrieb
  einrichteten.  Dort  gab  die  bevorstehende  Eröffnung  des  Bahnhofs
im  Jahre  1867  den  entscheidenden  Anstoß,  die  bestehende  Petroleumbeleuchtung
  durch  eine  Gasbeleuchtung  zu  ersetzen.  Schon  im
März  1866  fasste  der  Stadtrat  angesichts  der  Aufwertung  der  Stadt  den
Beschluss,  ein  Gaswerk  zu  errichten.  Er  wählte  eine  aus  acht  Personen
bestehende  Kommission,  der  neben  dem  Polizeikommissar  und  dem
Bürgermeister  gleich  sechs  Gewerbetreibende  angehörten.179  Obwohl
178  Vgl.  Müller  (1927),  S.  454  f.
1  9  Neben  dem  Polizeikommissar  Dapping,  dem  Bürgermeister  Wilhelm  Chandon  gehörten
  der  Kommission  im  Einzelnen  an:  die  Fabrikanten  Gustav  Krämer  und
Weyland,  die  Kaufleute  Uhl,  Firmery  und  Grewenig  sowie  der  Weinhändler  Müller.

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