Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

rung  -  über  die  Eingliederung  hinaus  erhalten  und  mußten  erst  langsam  an  die  neue
Situation  angepaßt  werden.120  Auf  diese  Weise  scheint  im  Saarland  eine  Art  besonderer
  Unternehmenskultur  entstanden  zu  sein,  die  aus  Sicht  mancher  Zeitgenossen
als  Grundlage  für  die  Eingliederung  nach  Deutschland  denkbar  ungeeignet  war.
Sowohl  die  Art  der  Unternehmensfuhrung,  die  Anpassungsbereitschaft  und  -fahigkeit
als  auch  das  Dispositionsverhalten  der  Wirtschaft  fanden  teilweise  heftige  Kritik.* 130
Ein  prägnantes  Beispiel  für  das  Aufeinandertreflfen  sehr  unterschiedlicher  Elemente
und  Einflüsse  in  der  Übergangszeit  stellt  die  Behandlung  der  Schließung  der  Grube
St.  Ingbert  Anfang  1957  dar.  Der  Grubenstandort  wurde  ab  Anfang  des  Jahres  1958
durch  Umstrukturierungs-  und  Zusammenlegungsmaßnahmen  de  facto  geschlossen,
nachdem  die  Anlage  sich  bereits  in  den  30er  Jahren  als  unrentabel  bzw.  im  Rahmen
der  weiteren  Ausbauplanung  der  Saargruben  als  nicht  haltbar  erwiesen  hatte.  Eine
Schließung  der  Grube  war  allerdings  damals  aus  kriegswirtschaftlichen  Gründen
nicht  erfolgt  und  war  auch  nach  Ende  des  Zweiten  Weltkriegs  zunächst  ausgeblieben.131

Interessant  an  dem  Vorgang  ist  die  Tatsache,  daß  bei  Bekanntwerden  der  Schließungspläne
  umgehend  das  zu  diesem  Zeitpunkt  eigentlich  in  einer  Umbruchsphase
befindliche  Kabinett  mit  der  Frage  beschäftigt  wurde.  Dieses  pflichtete  einerseits  der
Meinung  der  gegenüber  der  Schließung  kritisch  eingestellten  Arbeitnehmervertreter
bei,  akzeptierte  aber  andererseits  prinzipiell  die  Notwendigkeit  von  Restrukturierungsmaßnahmen
  im  Bergbau  und  vertrat  allgemein  den  Standpunkt,  daß  eine  voreilige
  Entscheidung  in  dieser  Frage  nicht  getroffen  werden  solle,  solange  nicht  der
neue  Rechtsträger  der  Saarbergwerke  gemeinsam  mit  der  Bundesrepublik  etabliert
sei.  Dem  wiederum  stimmten  die  aufgebrachten  Arbeitnehmervertreter  zu,  wobei  sie
an  ihrer  Ablehnung  der  Schließung  des  Standorts  festhielten,  sich  aber  gleichzeitig
bereiterklärten,  auch  eine  solche  Entscheidung  zu  akzeptieren,  falls  sie  vom  neuen
Rechtsträger  gefällt  werden  sollte.132  Letztlich  erfolgte  der  Beschluß  zur  Schließung

Dohmen,  Geld,  S.  20.
130  Sehr  deutlich  hierzu  Buddeberg,  Verlagerung,  S.  88.  Zur  Frage  der  unterschiedlichen  Untemehmenskulturen
  v.a.  im  Mittelstand  und  dem  Zusammenhang  zu  Grundfragen  der  nationalen  Wirtschaftsorganisation
  vgl.  Meinolf  Dierkes,  Der  Beitrag  des  französischen  Mittelstandes  zum  wirtschaftlichen  Wachstum,
Opladen  1969  (=  Abhandlungen  zur  Mittelstandsforschung  39).
-i  Vgl.  hierzu  Gerd  Schuster,  200  Jahre  Bergbau  an  der  Saar  (1754-1954),  Bielefeld  1955.  Sehr  aufschlußreich
  ist  auch  die  mehr  als  100  Seiten  umfassende  Zusammenstellung  des  Wirtschaftsministeriums  zu
diesem  Thema,  die  anscheinend  angesichts  des  intensiven  öffentlichen  Widerhalls  als  Hintergrundmaterial
für  die  Presse  angefertigt  wurde,  vgl.  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage
Wirtschaftsministerium  v.  5.4.57,
132  LASB  StK  1715,  Kabinettsprotokol!  v.  21.1.57.  Das  Protokoll  gibt  ausnahmsweise  einige  Passagen  der
Sitzung  wörtlich  wieder,  so  z.B.  die  Argumentation  der  Arbeitnehmervertreter,  die  der  Schließung
widersprachen,  weil  sie  mit  Verlegungen  von  Bergleuten  auf  andere  Gruben  -  hauptsächlich  Maybach  und
Jägersfreude  -  verbunden  sein  würde:  Dies  sei  unter  anderem  abzulehnen,  weil  die  „Verlegung  in  einen
fremden  Betrieb  ...  nicht  zu  einer  Hebung  der  Arbeitsfreude“  beitrage.

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