Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

konnten  schon  während  der  Übergangszeit  nicht  von  den  steigenden  Investitionen  der
Saarwirtschaft  profitieren.124  Sie  richteten  vielmehr  ihren  Absatz  noch  stärker  auf
Frankreich  aus.12"  Ein  Beispiel  im  Bereich  der  Konsumgüterindustrie  stellt  die  Geschichte
  der  saarländischen  Waschmittelfabrik  TIP-Werke  C.  Hartung  dar.  Nach  der
Abschottung  des  saarländischen  Marktes  gegenüber  der  Konkurrenz  aus  Deutschland
nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  konnte  das  Unternehmen  zunächst  eine  sehr  positive
Entwicklung  nehmen,  die  sich  auch  auf  eine  rege  Innovationstätigkeit  stützte.  Unmittelbar
  nach  der  Eingliederung  jedoch  verlor  das  Unternehmen  schnell  gegenüber
der  deutschen  Konkurrenz  an  Boden,  weil  es  aufgrund  der  zu  geringen  Betriebsgröße
und  den  zu  wenig  entwickelten  Vertriebs-  und  Absatzmethoden  den  Übergang  zu
einem  der  mittlerweile  bereits  international  organisierten  Konkurrenz  ebenbürtigen
Wettbewerber  nicht  bewältigen  konnte.126
Gerade  angesichts  der  in  der  Übergangszeit  zu  beherrschenden  enormen  Finanzströme
  durch  den  Kapitalzufluß  aus  Deutschland  ist  weiterhin  die  durch  die  spezielle
nationale  und  politische  Vergangenheit  des  Landes  begründete  Sonderentwicklung  im
Bereich  der  Banken  und  Versicherungen  als  besonders  wichtig  einzuschätzen.  Das
nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  im  Rahmen  des  Wirtschaftsanschlusses  an  Frankreich
zügig  etablierte  saarländische  Bankensystem  stellte  eine  im  internationalen  Vergleich
einmalige  Regelung  dar.12  Dieses  konnte  zwar  im  Verlauf  der  Übergangszeit  vollständig
  reorganisiert  werden,  um  die  Arbeitsfähigkeit  des  Kapitalmarktes  sicherzustellen,12s
  allerdings  blieben  gewisse,  mittlerweile  schon  traditionelle  Elemente  des
saarländischen  Kreditwesens  -  insbesondere  im  Bereich  der  Unternehmensfinanzie¬134

  Karlheinz  Klein,  Erkenntnisse,  S.  27;  sehr  kritisch  auch:  Johann  Latz,  Der  Saarmarkt  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich,  in:  Die  Saar,  Wirtschaft  und  Wiedervereinigung  (=  Der  Volkswirt  11  (1957),
Sonderheft),  S.  15-17,  hier:  S.  16.
125  Zu  den  Zahlen  vgl.  Stat.  Amt  d.  Saarl.  (Hg.),  Saarländische  Bevölkerungs-  und  Wirtschaftszahlen  9/10
(1957/58),  S.  165  und  S.  204,  sowie  -  nach  der  neuen,  bundesdeutschen  Systematik  als  eigene  Rubrik
geführt  -  Stat.  Amt  d.  Saarl.  (Hg.),  Saarländische  Bevölkerungs-  und  Wirtschaftszahlen  I  1/12  (1959/60),
S.  45.  und  S.  124f.
126  Gerhard  Arnes,  „VALAN  -  die  Waschmaschine  in  der  Tüte“,  in:  Stadtverband  Saarbrücken,  Regionalgeschichtliches
  Museum  (Hg.),  „Stunde  0“,  S.  203-220.  Die  problematische  Geschichte  saarländischer
Diversifizierungsversuche  stellte  übrigens  auch  in  der  zeitgenössischen  Reflexion  ein  wichtiges  Thema
dar:  Besonders  vor  dem  Hintergrund  der  bis  dahin  positive  Ergebnisse  zeigenden  Konzentration  der
Entwicklungspolitik  auf  den  Bereich  der  Schwerindustrie  im  benachbarten  Lothringen  wurde  die  Tauglichkeit
  einer  auf  Diversifizierung  der  Wirtschaftsstruktur  angelegten  regionalen  Entwicklungspolitik  durchaus
auch  kritisch  betrachtet,  vgl.  Albert  Seyler,  Lothringen  an  der  Spitze.  Das  Montangebiet  an  Saar  und  Mosel
-  Unbefriedigende  Arbeitsteilung  und  unterschiedliche  Entwicklung,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift
der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  5  (1957),  S.  30-32.
13  Vgl.  hierzu  den  Überblick  bei  Weidig,  Geldwesen,  bes.  S.  2ff„  sowie  Klaus  Martin,  Die  Errichtung  der
französisch-saarländischen  Währungsunion  im  Jahre  1947  und  die  sich  daraus  ergebenden  Maßnahmen
des  französischen  Staates  hinsichtlich  des  Kreditwesens  im  Saarland,  Saarbrücken  1955.
1  "s  Detaillierte  Informationen  zum  Reorganisationsprozeß  finden  sich  in:  Eduard  Martin,  Umgestaltung,
S.  180-195,  sowie  in  Dohmen,  Geld,  S.  19-21.  Zur  Bedeutung  des  Kapitalmarktes  auf  die  wirtschaftliche
Entwicklung  der  Bundesrepublik  zwischen  1952  und  1965  vgl.  Wilfried  Feldenkirchen  u.a.,  Zur  Geschichte
  der  Unternehmensfinanzierung,  Berlin  1990  (=  Schriften  des  Vereins  für  Socialpolitik,  Gesellschaft
  für  Wirtschafts-  und  Sozialwissenschaften  N.F.  196),  bes.  S.  1  15.

97
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.