Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Gestaltung  der  Übergangszeit  zu  nachdrücklichem  Einsatz  für  deren  Abkürzung
festzustellen  ist.  Unmittelbar  nach  der  Verabschiedung  des  Gesetzes  über  steuerliche
Maßnahmen  gewann  diese  Frage  durch  die  französischen  Währungs-  und  Außenhandelsmaßnahmen
  an  Brisanz.  Im  Juli  griff  das  Kabinett  unter  Ministerpräsident
Egon  Reinert  bei  diesem  Thema  auf  ein  Mittel  zurück,  das  sich  schon  in  den  Verhandlungen
  über  den  Saarvertrag  bewährt  hatte:  Jedes  Ministerium  sollte  einen
Referenten  abstellen,  der  speziell  für  die  Grundsatzfragen  der  Übergangszeit  zuständig
  sein  sollte.100 101  Am  22.  August  1957  dann,  zwölf  Tage  nach  den  gravierendsten
Eingriffen  der  französischen  Regierung  in  den  Außenhandel,  wurden  diese  Ressort-Vertreter
  gemeinsam  mit  der  Erarbeitung  eines  Memorandums  zur  Abwehr
negativer  Folgen  für  das  Saarland  beauftragt;11)1  ein  halbes  Jahr  später  entwickelte
sich  daraus  erneut  ein  Lenkungsausschuß  auf  Ministerebene.102 104  Gegenüber  Bonn
vertrat  die  Landesregierung  ihre  Position  spätestens  ab  dem  23.  November  1957  auch
mit  differenzierten  Argumenten.111’  Dabei  wurde  eindeutig  erklärt,  daß  die  Übergangszeit
  bereits  zu  diesem  Zeitpunkt  die  Funktion  einer  allmählichen  Rationalisierung  und
Modernisierung  der  Wirtschaft  zur  Erleichterung  des  Übergangs  nicht  würde  erfüllen
können.  Daher  -  und  vor  allem  auch  aufgrund  des  Wertverfalls  des  Franc  -  sei  sie
schnellstmöglich  zu  beenden.  Im  gleichen  Zuge  wurde  jedoch  die  hohe  Bedeutung
des  kontingentierten  zollfreien  Warenverkehrs  mit  Frankreich  betont."14  Präzisiert  und
ergänzt  wurden  diese  Forderungen  der  Saar-Regierung  durch  ein  praktisch  gleichzeitig
  veröffentlichtes  Gutachten  der  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes,
das  allerdings  die  Frage  der  Abkürzung  der  Übergangszeit  differenzierter  behandelte:
„Auf  Grund  der  Erfahrungen  des  Jahres  1935  [sei]  eine  überstürzte  Rückgliederung“
auf  jeden  Fall  zu  vermeiden,  statt  dessen  müsse  „mit  größter  Behutsamkeit  und  in
voller  Übereinstimmung  mit  den  zuständigen  französischen  Stellen“  vorgegangen
werden.  Allerdings  erfülle  die  Übergangszeit  durch  die  einseitigen  französischen
Maßnahmen  ihre  Funktion  nun  nicht  mehr,  daher  seien  zumindest  Ausgleichsma߬"K1

  LASB  StK  1716,  Kabinettsprotokoll  v.  ¡6.7.57.
101  LASB  StK  1716,  Kabinettsprotokoll  v.  22.8.57.
102  LASB  StK  1717,  Kabinettsprotokoll  v.  1.2.58.  Kurz  darauf  wurde  der  Lenkungsausschuß  sogar  zur
Chefsache,  indem  der  Ministerpräsident  persönlich  den  Vorsitz  übernahm,  vgl.  LASB  StK  1718,  Kabinettsprotokoll
  v.  30.6.58.
"  Derartige  Pläne  fanden  breiten  Wiederhall  in  der  politischen  Öffentlichkeit,  vgl.  Stellungnahme  der
Arbeitskammer  zur  Frage  einer  vorzeitigen  Beendigung  der  wirtschaftlichen  Übergangszeit,  in:  Die
Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  5  (  1957),  S.  282-284,  sowie  Gedanken  zum
Saar-Memorandum,  in:  ebd.,  S.  313-315.
104 Memorandum  der  Saarländischen  Regierung  zur  Verkürzung  der  Übergangszeit,  LASB  StK  Kabinettsregistratur,
  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  26.9.57.  Publiziert  wurde  der  Text
auch  als:  Memorandum  über  die  wirtschaftliche  Lage  des  Saarlandes,  in:  Mitteilungen  der  Industrie-  und
Handelskammer  des  Saarlandes  13  (1957),  S.  81  1-812.  Die  Publikation  wurde  am  13.1  1.57  beschlossen,
vgl.  LASB  StK  1716,  Kabinettsprotokoll  v.  13.11.57.  Wie  sehr  sich  die  Ereignisse  im  Saarland  angesichts
der  französischen  Maßnahmen  überstürzten,  wird  an  einem  Vorgang  vom  Oktober  1957  deutlich:  Der
Wirtschaftsminister  mußte  um  Aufschub  der  Abgabe  von  Stellungnahmen  als  Anlage  zu  einem  Schreiben
an  den  Bundeskanzler  bitten,  da  die  bereits  erarbeiteten  ersten  Versionen  durch  die  sich  überschlagenden
Ereignisse  bereits  wieder  veraltet  seien,  siehe:  LASB  StK  1716,  Kabinettsprotokoll  v.  28.10.57.

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