Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

und  das  Eingliederungsgesetz  geprägt  waren.  Die  Wirksamkeit  der  dort  erarbeiteten
Maßnahmen  stellte  aus  Sicht  vieler  an  den  Verhandlungen  beteiligter  Experten  und
Politiker  aufgrund  der  Entwicklungskraft  des  Saarlandes  quasi  nur  noch  eine  logische
Konsequenz  dar.  Diese  Sichtweise  war  -  positiv  gesprochen  -  von  großem  Vertrauen
in  die  Entwicklungspotentiale  der  Saarwirtschaft  und  in  die  Macht  und  Funktionsfähigkeit
  bestimmter,  von  Saarländern  selber  steuerbarer  Organisationen  und  Institutionen
  gekennzeichnet.  Die  Saarwirtschaft  und  ihre  Vertreter,  vor  allem  die  IHK,
aber  auch  die  sich  bereits  abzeichnenden  neuen  Organe  der  Kreditwirtschaft  sowie
besonders  die  neuen  Saarbergwerke,  in  denen  nun  erstmals  das  Saarland  selber
direkte  und  umfangreiche  Mitbestimmungsrechte  besaß,  dienten  sozusagen  als
institutionelle  Garantie  für  den  Erfolg  der  wirtschaftlichen  Eingliederung.4  Negativ
gesprochen  wohnte  dieser  Sichtweise  insofern  ein  strukturkonservativer  Aspekt  inne,
als  sich  z.B.  im  Bereich  der  Montanwirtschaft  die  bereits  in  den  Saarverhandlungen
angelegte  Konzentration  der  saarländischen  Wirtschaftspolitik  auf  die  strukturpolitische
  Bedeutung  der  neu  zu  gründenden  Saarbergwerke  verstärkte.  Der  allgemein
  erhoffte  Erfolg  der  Wirtschaftspolitik  trat  damit  in  eine  noch  engere  Beziehung
  zur  ökonomischen  Entwicklung  des  Montankerns.
2.1.3 Die  wirtschaftliche  Entwicklung  im  Jahr  1956  als  ambivalente  „Normalität''
Welche  Wirkung  hatten  nun  die  in  teilweise  hektischen,  auf  jeden  Fall  aber  intensiv
geführten  Debatten  um  die  zur  Neuordnung  der  saarländischen  Verhältnisse  vereinbarten
  Maßnahmen?  Bereits  ein  erster  Blick  auf  die  Konjunkturdaten  zeigt  eine
überraschend  „normale“  Entwicklung  der  Wirtschaft  im  Laufe  des  Jahres  1956.  Diese
ist  zum  Teil  damit  zu  erklären,  daß  die  Volksabstimmung  in  wirtschaftlicher  Hinsicht
kaum  unmittelbare  Auswirkungen  gehabt  hatte.  Auch  die  Sofortmaßnahmen,  wie  z.B.
die  Zollffeiheit  für  manche  saarländischen  Exportgüter,  wurden  nämlich  erst  spät  im
Jahr  in  Kraft  gesetzt.  Ein  weiterer  Grund  lag  in  der  stark  auf  außenwirtschaftliche
Tätigkeit  ausgerichteten  Wirtschaftsstruktur  des  Landes.4*  Dadurch  war  die  Saarwirtschaft
  stark  von  internationalen  Konjunkturentwicklungen  abhängig,  wobei  diese
Dependenz  sich  aufgrund  des  regionalen  Übergewichts  von  Kohle-,  Eisen-  und  Stahl-47

  Es  wäre  um  einiges  zu  kurz  gegriffen,  diesen  „Eingliederungsoptimismus“  allein  auf  Seiten  der  Wirtschaft
  festzumachen;  ein  ebenso  überzeugendes  Beispiel  ist  beispielsweise  der  Artikel  von  Heinz  K.
Grössle,  Die  saarländische  Industrie  im  deutschen  Wirtschaftsraum.  Eine  Prüfung  ihrer  Möglichkeiten
nach  der  Eingliederung  in  die  westdeutsche  Wirtschaft,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer
  des  Saarlandes  4  (1956),  S.  281-283.  Als  wahrscheinlicher  ist  anzunehmen,  daß  es  sich  bei  diesen
Projektionen  zumindest  teilweise  auch  um  eine  spezielle  Form  der  Verarbeitung  der  grundlegenden
Infragestellung  der  regionalen  Zukunft  im  Abstimmungskampf  vor  dem  23.  Oktober  1955  handelte.
48  Dieser  Aspekt  hatte  die  zeitgenössische  Diskussion  bereits  seit  Beginn  der  Auseinandersetzung  um  die
nationale  Zugehörigkeit  des  Saarlandes  genauso  wie  in  der  Diskussion  um  einen  den  wirtschaftlichen
Erfordernissen  angemessenen  Status  des  Saargebiets  beschäftigt.  Insbesondere  die  IHK  und  ihre  Analysten
betonten  praktisch  durchgängig  diesen  Aspekt,  der  auch  in  einer  Reihe  von  halboffiziellen  (Selbst-)Darstellungen
  des  Landes  nach  dem  Referendum  immer  wieder  hervorgehoben  wurde.  Vgl.  Peter  Weiant,  Die
Wirtschaftsbeziehungen  Saar-Frankreich,  in:  Eduard  Dietrich  (Hg.),  Saarland,  S.  52-58;  Eduard  Dietrich,
Die  Saar  als  Ein-  und  Ausfuhrland,  ebd.,  S.  36-45.

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