Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

der  Übergangszeit  wirken  sollten.'  Über  die  zollfreie  Ausfuhr  in  die  Bundesrepublik
herrschte  dabei  anscheinend  weitgehende  Übereinstimmung  zwischen  allen  saarländischen
  Beteiligten,  insbesondere  den  verschiedenen  Wirtschaftsorganisationen,38
aber  anscheinend  auch  mit  den  Parteien  im  Saar-Landtag.39
Im  Kontext  traditioneller  Wirtschaftspolitik  des  Saarlandes  seit  den  ersten  Montankrisen
  der  20er  Jahre  standen  Forderungen,  in  der  Übergangszeit  die  Konjunkturabhängigkeit
  der  Saarwirtschaft  zu  verringern,  ihre  Ertragslage  zu  verbessern  und
ihre  Struktur  aufzulockern.  Bereits  im  Sommer  1956  hatte  die  Saar-Regierung  ein
Wirtschaftsförderungsprogramm  im  Umfang  von  einer  Mrd.  Francs  aufgelegt,  das
besonders  der  mittelständischen  Industrie,  dem  Handel  und  dem  Handwerk  zugute
kommen  sollte.40  Gegenüber  der  Bundesregierung  betonte  die  Saar-Regierung  die
Bedeutung  dieser  Forderungen  spätestens  ab  November  1956.41  Diese  allgemeinen
Ziele  von  Wirtschaftspolitik  wurden  bei  der  Ausgestaltung  der  Übergangszeit  zwar  in
einer  Vielzahl  von  Einzelmaßnahmen  aufgegriffen,  jedoch  an  keiner  Stelle  zu  einer
verbindlichen  allgemeinen  regionalpolitischen  Zielsetzung  oder  zu  einem  konkreten
wirtschaftspolitischen  Programm  präzisiert.  Dieses  Fehlen  einer  Rückbindung  der
einzelnen  Maßnahmen  an  ein  regionalwirtschaftliches  Programm  wurde  jedoch  von
den  Zeitgenossen  nicht  weiter  thematisiert.42
Einen  Reflex  der  ungünstigen  Entwicklung  der  Saarwirtschaft  im  Gefolge  der  vergangenen
  politischen  Neuordnungen,  insbesondere  nach  der  Rückgliederung  von  1935,43

’7  Eingliederungsgesetz,  §  18.
'8  Siehe:  LASB  AA  434,  Memorandum  des  Gesamtverband  des  saarländischen  Großhandels  e.V.  zur
Auswirkung  der  Übergangszeit  und  der  Rückgliederung  auf  den  Handel  v.  22.5.56;  sehr  weitgehend  in
dieser  Frage  auch:  LASB  AA  436,  Memorandum  der  IHK  „Zum  gegenwärtigen  Stand  der  Saarfrage“  v.
Juli  1956,  sowie  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Einbeziehung,  S.  7  und  S.  15f.
39  Selbst  in  der  außerordentlich  heftigen  Debatte  über  die  Verabschiedung  der  Beitrittserklärung  des
Saarlandes  zur  Bundesrepublik,  in  der  besonders  die  DPS  die  Saarlösung  einer  kritischen  Bestandsaufnahme
  unterzog,  wurde  dieser  Aspekt  praktisch  nicht  thematisiert,  siehe:  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  24.  Sitzung
v.  13.12.56,  S.  602ff.
40  LASB  StK  1714,  Kabinettsprotokoll  v.  2.7.56.
41  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Memorandum  der  Regierung  des  Saarlandes  zur  Begründung
  einer  Finanzhilfe  durch  die  Bundesregierung  v.  20.11.56  mit  detaillierten  Zahlenangaben,
42  Weder  in  den  Quellen  noch  in  der  zeitgenössischen  Literatur  finden  sich  Hinweise  auf  eine  Forderung
nach  einer  umfassenden  saarländischen  wirtschaftspolitischen  Programmatik  für  die  Übergangszeit.
Vielmehr  wurde  zumindest  von  der  IHK  des  Saarlandes  sogar  ausdrücklich  ein  solcher  planender  Eingriff
des  Staates  zugunsten  einer  autonomen  Steuerung  des  wirtschaftlichen  Übergangs  durch  die  Unternehmen
selber  abgelehnt,  vgl.  IHK,  Einbeziehung,  S.  8.  Dagegen  scheinen  die  Produktivitätszentrale,  die  am
13.12.54  gegründet  worden  war,  und  die  Gesellschaft  für  Wirtschaftsforderung  Saar  (gw-Saar)  eine
gewisse  koordinierende  Funktion  übernommen  zu  haben,  vgl.  zur  gw-Saar:  Industrie-  und  Handelskammer
des  Saarlandes  (Hg.),  Wirtschaft  zwischen  den  Grenzen.  100  Jahre  Industrie-  und  Handelskammer  des
Saarlandes,  Saarbrücken  1964,  hier:  S.  202;  zur  absatzfördernden  Tätigkeit  der  gw-Saar  siehe  Buddeberg,
Verlagerung,  S.  120.  Zur  Finanzierung  der  Arbeit  aus  Übergangs-Mitteln  siehe:  Wirtschaft  an  der  Saar  -
fünf  Jahre  danach.  Eine  Studie  des  Industriekurier,  Industriekurier  17(1964),  S.  28.  Zur  Beratungstätigkeit
der  Produktivitätszentrale  vgl.  Saarländische  Gemeinschaft  zur  Förderung  der  Produktivität  (Hg.),  10
Jahre.
43  Da  die  Forschung  zur  Volksabstimmung  von  1935  und  der  darauffolgenden  Rückgliederung  nach

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