Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

scher  -  sogar  eine  „strenge  Anweisung“,  die  Verhandlungen  bis  Ende  September  1956
abzuschließen.1,0
Zunächst  jedoch  galt  es,  die  „leidige“  Warndtfrage  zu  lösen.  Nachdem  die  ursprünglichen
  saarländischen  Forderungen  in  der  Warndtfrage  bereits  in  der  zweiten  Verhandlungsphase
  hatten  schrittweise  revidiert  werden  müssen,  folgte  nun  eine  hauptsächlich
  auf  Details  der  im  Grundsatz  bereits  vereinbarten  Lösung  ausgerichtete
Diskussion.1  ’’  Dabei  arbeitete  die  Saar-Regierung  hauptsächlich  daran,  das  Verhandlungsergebnis
  sowohl  gegenüber  internen  als  auch  innersaarländischen  Kritikern
durchzusetzen.  Bis  spätestens  Juli  scheint  dieser  Versuch  gelungen  zu  sein.1’2  Ein
kurzfristiger  Rückschlag  trat  ein,  als  das  Kabinett  mit  der  französischen  Forderung
konfrontiert  wurde,  daß  die  der  französischen  Seite  im  Warndt  zugestandenen  Kohlefördermengen
  sich  auf  verkaufstahige  Kohle  -  nicht  also  auf  die  „Bruttoförderung“  -
zu  beziehen  hätten.133  Bis  Anfang  September  wurde  aber  auch  dieser  -  möglicherweise
  auch  taktisch  bedingte  -  Konflikt  geregelt.134  Neuer  Konfliktstoff  deutete  sich
jedoch  mit  der  Regelung  der  Kohleverkaufsorganisation  an.  Diese  Frage  war  bereits
im  März  kurz  andiskutiert  worden,13'’  allerdings  ohne  daß  eine  Übereinstimmung
erzielt  worden  wäre.  Neuerlich  auf  die  Agenda  geriet  das  Thema  im  Rahmen  der
Staatssekretärskonferenz  am  11  ./12.  September  1956.136  Nachdem  sich  das  Kabinett
130  LASB  AA  433,  Brief  Bundeswirtschaftsministerium  an  Bundesinnenministerium  v.  29.8.56.
1,1  Zum  Beginn  dieser  Bemühungen  unmittelbar  nach  der  Konferenz  der  Regierungschefs,  siehe:  LASB
StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  14.6.56.
132  Der  Erfolg  dieser  Bemühungen  wurde  für  die  Saar-Regierung  sichtbar  in  einem  Memorandum  der  IHK
des  Saarlandes,  die  sich  -  entgegen  früherer  Äußerungen  -  nun  der  Sichtweise  anschloß,  daß  die  Wamdtlösung
  zwar  ein  eigentlich  unnötiges  Opfer,  aber  letztlich  eben  doch  akzeptabel  sei;  vgl.  LASB  AA  436,
Memorandum  der  IHK  des  Saarlandes  „Zum  gegenwärtigen  Stand  der  Saarfrage“  v.  Juli  1956.  Deutlich
wird  dieser  Erfolg  auch  in  der  Rundfunkrede  von  Ministerpräsident  Ney,  in  der  er  diese  Linie  auch
gegenüber  der  breiten  Öffentlichkeit  vertrat,  vgl.  LASB  AA  940,  Rundfunkrede  v.  5.7.56.
133  LASB  StK  1714,  Kabinettsprotokoll  v.  16.7.56.
134  LASB  StK  1714,  Kabinettsprotokoll  v.  7.9.56.  Die  deutschen  und  saarländischen  Experten  hatten  auf
die  französische  Forderung  hin  sehr  schnell  eine  umfangreiche  Materialsammlung  zusammengestellt,  die
Grundlagen  der  Mengen-  und  Preisberechnung  infrage  stellten.  Mit  dieser  stark  konfliktorientierten
Vorgehensweise,  die  zudem  auf  den  alten  Vorw  urf  der  unsachgemäßen  Ausbeutung  der  Warndtvorräte
durch  den  französischen  Bergbau  rekurrierte,  konnte  man  sich  offenbar  durchsetzen.  Vgl.  LASB  AA  424,
Gutachten  v.  21.8.56.
135  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  19.3.56.  Die  französische  Forderung  bedeutete  direkte  Eintlußmöglichkeiten
  auf  die  Lieferverträge  und  vor  allem  auf  die  Preisgestaltung  für  die  von  den  Saarbergwerken
  produzierte  Kohle.  Von  saarländischer  Seite  war  befürchtet  worden,  daß  die  Saarbergwerke  dadurch
Gewinneinbußen  erleiden  könnten.
136  LASB  AA  436  Bericht  v.  8.9.56.  Am  27.9.56  äußerte  sich  Hallstein  vor  dem  Auswärtigen  Ausschuß
des  Bundestages  hierzu:  „Die  andere  Gruppe  von  Problemen,  mit  denen  wir  [die  Staatssekretäre]  hoffen
[sic!]  heute  und  morgen  fertig  zu  werden,  ohne  die  Regierungschefs  zu  bemühen,  sind  die  Probleme,  die
man  nur  in  Erinnerung  an  die  Sage  von  der  Hydra  richtig  illustrieren  kann.  Jedesmal,  wenn  wir  ein
Problem  gelöst  hatten  -  eines  von  vielen  Hundert,  die  beim  Saarvertrag  zu  lösen  waren  stellte  sich
heraus,  daß  es  uns  in  der  nächsten  Sitzung  nicht  in  derselben  Form,  sondern  wahrhalt  dreilach  entgegentrat,
  weil  die  Experten  gefunden  hatten,  daß  die  Antwort,  die  die  Staatssekretäre  gegeben  hatten,  nicht
reicht,  um  das  Problem  zu  erledigen,  und  daß  die  Antwort  neue  Fragen  aufwirft,  und  zwar  mehr.“,  vgl.
Hölscher  (Bearb.),  Auswärtiger  Ausschuß,  Dok.  62,  S.  1400.  Daraus  ergaben  sich  eine  in  verschiedenen
Punkten  „rettungslos  verhärtete  Situation“,  ebd.,  S.  1402.

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