Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Ähnliche  Auswirkungen  zeigte  der  Gipfel  auch  auf  die  Position  des  saarländischen
Kabinetts.  Zunächst  wurde  große  Zufriedenheit  mit  der  Verhandlungsführung  Adenauers
  ausgedrückt,  durch  die  „selbst  in  kritischen  Augenblicken  der  Verhandlungen
kein  Zugeständnis  gemacht  worden  [ist]  ...  das  nicht  die  Billigung  der  ...  saarländischen
  Regierungsdelegation  gehabt“  hätte.  Allerdings  sah  sich  das  Kabinett  genötigt,
  deutsche  Zugeständnisse  im  Warndt  als  noch  vertretbar  zu  akzeptieren,  die  weit
über  die  bisher  vertretene  Position  hinausgingen.12’  Ein  weiteres  Indiz  für  die  so
erzwungene  Revision  der  saarländischen  Position  stellt  das  Schicksal  der  saarländischen
  Initiative  „Rettet  den  Warndt“  dar.  Dieser  Aktionsausschuß  war  ursprünglich
vom  DGB-Saar  unter  Leitung  von  Paul  Kutsch  gegründet  worden  und  hatte  sich  zum
Ziel  gesetzt,  „mit  allen  uns  zu  Gebote  stehenden  Mitteln  für  eine  gerechte  Lösung“
der  Warndtfrage  einzutreten.  Dazu  sollten  die  Saar-Regierung,  die  Heimatbundparteien,
  die  Industrie-  und  Handelskammer,  die  Handwerkskammer  und  der  Arbeitgeberverband
  zur  Mitarbeit  angerufen  werden.  Als  Ehrenpräsident  sollte  Ministerpräsident
  Ney  fungieren.  Zur  Finanzierung  der  Arbeit  hatte  der  DGB  nach  eigenen
Angaben  bereits  18.000  DM  eingesetzt,  die  weiteren  Ausgaben  von  60.000  DM
sollten  laut  Antrag  hälftig  vom  DGB  und  dem  Ministerium  für  Gesamtdeutsche
Fragen  aufgebracht  werden.123 124  Dieser  Antrag  wurde  unter  Hinweis  auf  die  mittlerweile
  auf  Regierungsebene  gehobenen  Verhandlungen  abgelehnt.  Der  Minister
gestand  zu,  „daß  die  [dort  gefundene]  Lösung  den  Deutschen  Gewerkschaftsbund
Saar  schwer  enttäuscht  hat“,  betonte  aber  gleichzeitig,  daß  sie  einen  „echten  Kompromiß“
  und  einen  Beitrag  zur  Arbeitsplatzsicherung  darstelle.  Daher  habe  auch  das
Saar-Kabinett  den  Lösungen  zugestimmt;  somit  sei  das  geplante  Aktionsprogramm
obsolet.12'  In  der  Tat  gab  die  Saar-Regierung  bereits  ab  dem  14.  Juni  1956  in  ihren
Beratungen  den  fundamentalen  Widerstand  in  der  Warndtfrage  auf  und  beschränkte
sich  auf  reine  Details.126

späteren  Ratifzierungsdebatte  zu  vermeiden,  vgl.  Hölscher  (Barb.),  Auswärtiger  Ausschuß,  Dok.  57,
S.  1225.  Die  Information  erfolgte  am  1.6.56  (!),  ebd.,  S.  12401'f.  Eine  Woche  später,  am  6.6.56,  weigerte
sich  von  Brentano  auf  gezielte  Nachfrage  hin,  die  nach  seiner  Darstellung  von  den  Regierungschefs
formulierten  Direktiven  für  die  weiteren  Verhandlungen  dem  Parlament  zugänglich  zu  machen,  ebd.,
S.  1301.  Als  einziger  Beleg  für  diese  Direktiven  steht  ein  äußert  knapper  Text  in  DDF  1956,  Dok.  366,  zur
Verfügung.
123  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  5.6.56.  Konkret  akzeptierte  das  Kabinett  hier  einen  Kompromiß,
der  bereits  das  in  der  Endregelung  vorgesehene  Zugeständnis  von  Abbaurechten  bzw.  Kohlelieferungen
von  90  Mio  t  Warndtkohle  enthielt.  Allerdings  waren  in  der  Regelung  schon  finanzielle  Zusagen  des
Bundes  gegenüber  dem  Saarland  und  die  Bereitschaft,  zwei  Großschachtanlagen  im  Warndt  niederzubringen,
  vorgesehen;  weitere  Fragen  aber,  ob  der  Liefer-  auch  eine  Abnahmeverpflichtung  Frankreichs
gegenüberstehen  sollte  oder  auch  die  Definition  der  der  HBL  zu  überlassenden  Kohlefelder,  waren  noch
ungeklärt.
124  LASB  AA  130,  Brief  Karl  Dinges  an  Ministerium  für  Gesamtdeutsche  Fragen  v.  1.6.56.
123  LASB  AA  130,  Brief  Dr.  Knoop  (Ministerium  für  Gesamtdeutsche  Fragen)  an  Aktionsausschuß  „Rettet
den  Warndt“  v.  2.6.56.
126  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  14.6.56  -  diskutiert  wurde  u.a.  die  Festlegung  der  einzelnen
Flöze,  aus  denen  die  HBL  die  ihr  zugesagten  Mengen  sollte  fordern  dürfen.

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