Full text: Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

sowohl die deutsche als auch die saarländische Position geklärt worden, wenn auch 
ein bereits als Entwurf vorliegendes Amnestiegesetz für den Abstimmungskampf die 
Wünsche der französischen Seite wohl nicht hat erfüllen können."3 Erwartungsgemäß 
lehnten die saarländischen Vertreter diesbezügliche Forderungen als unannehmbar 
ab; trotzdem fanden diese als offene Fragen Aufnahme in die abschließende Direktive 
für die weiteren Verhandlungen."4 
Überraschend an dem Auftauchen dieser Forderungen ist, daß sie für die französische 
Seite ebensowenig Vorteile versprachen w ie sie Chancen auf Durchsetzung gegen¬ 
über der bundesdeutschen und saarländischen Seite hatten. Am ehesten war wohl 
noch die Einarbeitung von Schutzbestimmungen realistisch, jedoch war dieser Punkt 
für die deutsche Delegation anscheinend sehr unangenehm, insbesondere im Hinblick 
auf die Signalwirkung für die Wiedervereinigung Gesamtdeutschlands."'' Die franzö¬ 
sische Forderung nach Einbeziehung von kulturellen Bestimmungen überrascht noch 
mehr, standen die deutsch-französischen Kulturbeziehungen doch bereits seit dem 23. 
Oktober 1954 auf einer ausreichenden vertraglichen Grundlage.* 116 117 Dieser Vorstoß 
Frankreichs bot der Saar-Regierung ein willkommenes Instrument, ihrer sehr defensi¬ 
ven Position zu entkommen."7 
Kennzeichnend für die „heiße Phase“ der Verhandlungen war somit ein schrittweises 
Auseinanderdriften der sich ausdifferenzierenden Detailverhandlungen auf Experten¬ 
ebene, ein in Fragen grundsätzlicher Bedeutung immer weiteres Auseinanderklaffen 
der Positionen der Verhandlungspartner und ein auf oberster politischer Ebene immer 
deutlicher werdender Wille, die Verhandlungen schnellstmöglich zu einem Ende zu 
11 ’ LASB StK 1713, Kabinettsprotokoll v. 12.1.56 und 16.1.56. 
1,4 LASB AA 436, Direktive v. 18.5.56. 
LASB StkK 1713, Kabinettsprotokoll v. 5.6.56. 
116 Ulrich Lappenküper, „Sprachlose Freundschaft“? Zur Genese des deutsch-französischen Kultur¬ 
abkommens vom 23. Oktober 1954, in: Lendemains. Etudes comparées sur la France. Vergleichende 
Frankreichforschung H. 84 (1996), S. 67-82. Den Zusammenhang zur Entwicklung der kulturpolitischen 
Beziehungen bietet Ansbert Baumann, Der sprachlose Partner. Das Memorandum vom 19. September 
1962 und das Scheitern der französischen Sprachenpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, in: Revue 
d'Allemagne 34 (2002), S. 55-76; zur im Saarland besonders wichtigen Frage des Französischunterrichts: 
Georges Cuer, Der Französischunterricht und die französische Sprachpolitik in Deutschland nach 1945, in: 
Franz Knipping u. Jacques le Rider (Hgg.), Frankreichs Kulturpolitik in Deutschland 1945-1950, Tübin¬ 
gen 1987, S. 57-83. Zur offiziellen Kulturpolitik Frankreichs in seiner Besatzungszone vgl. Corine 
Defrance, La politique culturelle de la France sur la rive gauche du Rhin 1945-1955, Strasbourg 1994; zur 
Einordnung in die Tradition kultureller Beziehungen nach dem Ersten Weltkrieg vgl. Heike Arend, 
Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren. Verständigungskonzepte und kulturelle Begegnungen in den 
deutsch-französischen Beziehungen der Zwischenkriegszeit, in: Francia 20 (1993), S. 131-149; zur 
Kulturpolitik als Forschungsfeld vgl. Hans Manfred Bock, Wiederbeginn und Neuanfang in den 
deutsch-französischen Gesellschafts- und Kulturbeziehungen 1949 bis 1955, in: Lendemains. Etudes 
comparées sur la France. Vergleichende Frankreichforschung H. 84 ( 1996), S. 58-66. Einschlägig für den 
problematischen Neuanfang der kulturellen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Saarland ist 
Heinrich Küppers, Bildungspolitik im Saarland 1945-1955, Saarbrücken 1984. 
117 Das saarländische Kabinett nahm diese Forderung dann auch sofort als Chance wahr, juristisch und 
politisch gut legitimierte Maximalpositionen aufzubauen, vgi. LASB StK 1713, Kabinettsprotokoll v. 
28.5.56. 
57
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.