Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

der  Moselkanalisierung  diskutiert  wurden,  scheint  den  sprichwörtlichen  Tropfen  im
randvollen  Faß  dargestellt  zu  haben.  Nach  einem  ungewöhnlich  dramatischen  Sitzungsbeschluß,
  der  erneut  auf  die  Möglichkeit  eines  Scheitems  der  Verhandlungen
rekurrierte,101  trat  Ministerpräsident  Ney  mit  einer  Grundsatzrede  im  Radio  und  vor
dem  Parlament  in  die  Öffentlichkeit.102
Mit  dieser  Rede  gelang  es  Ney  aber  kaum,  die  Zwangslage  der  Saar-Regierung  durch
die  komplex  verschränkten  sachlichen  und  politischen  Aspekte  der  bisherigen  Verhandlungen
  zu  verdecken  oder  gar  zu  mildern.  Das  Verhältnis  zur  bundesdeutschen
Delegation  wurde  in  seiner  Ambivalenz  nur  ansatzweise  thematisiert,  und  auch  die
problematische,  weil  immer  weniger  durchsetzbare  Ablehnung  des  Moselkanals
sowie  das  damit  von  saarländischer  Seite  verbundene  Junktim  wurden  nicht  bereinigt.
Vielmehr  verstrickte  sich  der  Ministerpräsident  in  eine  weitgehend  von  den  Details
der  saarländischen  Interessenformulierung  bestimmten  Redekonzeption.  Ney  brachte
sogar  bereits  erarbeitete  Unterstützungslinien  seiner  Position,  z.B.  durch  die  Erwähnung
  der  Röchling-Frage,  erneut  in  Gefahr.  Schließlich  muß  der  Versuch,  Verständnis
  für  die  Schwierigkeiten  der  saarländischen  Verhandlungsführung  zu  gewinnen,
indem  scharfe  Kritik  an  den  früheren  Zugeständnissen  der  Regierung  von  Johannes
Hoffmann  gegenüber  Frankreich  geübt  wurde,  unabhängig  von  seiner  innersaarländischen
  Komponente  als  in  bezug  auf  die  internationalen  Verhandlungen  völlig
kontraproduktiv  bewertet  werden.  Ein  weiteres  Indiz  dafür,  wie  wenig  es  dem  saarländischen
  Ministerpräsidenten  gelungen  war,  seine  internationale  Position  zu  festigen.
  lieferte  ein  neuerlicher  diplomatischer  Konflikt  zwischen  Frankreich  und  dem
Saarland.  Um  eine  von  Edgar  Faure  ausgesprochene  Rüge  „undemokratischer  Zustände“
  an  der  Saar  und  einer  Benachteiligung  von  europäisch  eingestellten  Saarländern
  entwickelte  sich  eine  Auseinandersetzung,  die  nach  Inhalt  und  Konfliktverlauf
eher  an  die  Frühphase  derZeit  unmittelbar  nach  dem  23.  Oktober  1955  erinnerte.  Die
Reaktion  des  Kabinetts  auf  diesen  diplomatischen  Zwischenfall  bestand  jedenfalls  nur
in  dem  Beschluß,  die  Presse  besser  über  die  Sachverhalte  aus  saarländischer  Sicht  zu
informieren.103  Vollends  deutlich  wird  die  negative  Entwicklung  der  saarländischen
Position  in  einem  Kabinettsbeschluß  vom  8.  Mai  1956,  in  dem  der  Versuch  unternommen
  wurde,  die  noch  in  Neys  Rundfunkrede  begrüßte  Sitzung  der  Regierungschefs
  Anfang  Juni  kurzfristig  zu  verhindern.  Offensichtlich  erschien  allerdings
deutschen  und  französischen  Vertretern  zu  diesem  Zeitpunkt  eine  Einigung  so  wich¬""

  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  25.4.56.
102  Redemanuskripte  in:  LASB  AA  436,  Redemanuskript  v.  27.4.56  und  vom  gleichen  Tag  in:  LASB  AA
439.  Dieser  Vorgang  ist  auch  insofern  interessant,  als  die  innenpolitische  Dimension  der  zu  verhandelnden
Gegenstände  den  Gang  in  die  Öffentlichkeit  auf  französischer  und  deutscher  Seite  inopportun  erscheinen
ließ:  „Weder  in  Deutschland  noch  in  Frankreich  war  man  in  den  Monaten  März  und  April  an  öffentlichen
Parlamentsdebatten  zum  Gang  der  deutsch-französischen  Verhandlungen  interessiert.“,  Ludwin  Vogel,
Integrationspolitik,  S.  271.
103  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  4.5.56.  De  Carbonncl  hatte  am  27.4.56  persönlich  bei  Ministerpräsident
  Ney  interventiert  und  ihn  mit  einer  Fülle  von  Vorwürfen  konfrontiert,  vgl.  seinen  Bericht  an
Pineau  v.  28.4.56,  in:  DDF  1956,  Dok.  279,  S.  675f.

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