Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

interessante  Festlegung  erfolgte  hinsichtlich  der  saarländischen  Universität,  die  in
Zukunft  als  rein  deutsche  und  nicht  mehr  als  europäische  Einrichtung  zu  führen  sei/"’
Möglicherweise  deutete  sich  hier  bereits  eine  Weiterentwicklung  der  saarländischen
Verhandlungsposition  an,  die  darauf  basierte,  im  Bereich  der  Kulturpolitik  verstärkt
Druck  auf  die  Verhandlungspartner  ausüben  zu  können.4
Auf  der  Expertenebene  sahen  sich  die  Vertreter  des  Saarlandes  jedoch  sehr  bald
starkem  Druck  aus  der  Bundesrepublik  ausgesetzt.  Der  spätere  Referatsleiter  im
saarländischen  Wirtschaftsministerium  referierte  schon  am  28.  März  1956  die  deutsche
  Position  gegenüber  dem  Saarland,  nach  der  die  Saar-Regierung  die  wirtschaftlichen
  Auswirkungen  des  Moselkanals  auf  die  Saarwirtschaft  überschätze.  Der  Kanal
verbessere  zwar  die  Rentabilität  der  lothringischen  Eisenhütten,  werde  aber  kaum  die
Wettbewerbssituation  des  Saarlandes  nachhaltig  beschädigen  können.  Jedoch  seien
positive  Wirkungen  auf  die  Ruhrindustrie  wegen  des  günstigeren  Bezugs  lothringischer
  Produkte  zu  berücksichtigen.  Ersatzweise  einzuführende  Ausnahmetarife  der
Bundesbahn  seien  wohl  nur  flir  echte  Notstandsgebiete  durchsetzbar,  daher  sei  eine
Rationalisierung  der  Saarindustrie  und  die  Verbesserung  der  bestehenden  Verkehrswege
  sinnvoller.  Schließlich,  so  der  Gedankengang  weiter,  könne  „man  sich  durchaus
auf  den  Standpunkt  stellen  ...  [die  Moselkanalisierung]  verstoße  gegen  den  Art.  4c  des
Montanvertrags“  und  stelle  somit  eine  ungerechtfertigte  Subvention  dar,  gegen  die
,jede  Regierung“  Klage  erheben  könne.9*  Die  Saar-Regierung  reagierte  auf  diese
Zuspitzung  der  Lage,  insbesondere  auch  durch  die  innersaarländischen  Auseinandersetzungen
  im  Vorfeld  der  Kommunal  wahl  Anfang  Mai,  mit  einer  nun  stärker  auf  die
Öffentlichkeit  ausgerichteten  Politik."  Zunächst  nahm  das  Kabinett  eine  Presseerklärung
  des  Vorstands  der  Saarbergwerke  zum  Anlaß,  in  aller  Schärfe  den  Anspruch
  auf  Selbstbestimmung  der  saarländischen  Politik  über  den  Warndt  und  die
zukünftige  Entwicklung  der  Kohleförderung  zu  bekräftigen."10  Zwei  Wochen  später
gerieten  die  Expertengespräche  erneut  ins  Stocken.  Daß  kein  französisches  Entgegenkommen
  in  der  Warndtfrage  herbeizuführen  war,  während  gleichzeitig  bereits  Details

96  Zu  den  Unsicherheiten  bei  der  teilweise  umgesetzten  Restrukturierung  der  Universität  vgl.  Wolfgang
Müller,  „Nur  unter  Beibehaltung  des  übernationalen  Universitätscharakters“.  Eine  Denkschrift  über  die
Universität  des  Saarlandes  1956,  in:  Haubrichs,  Läufer  u.  Schneider  (Hgg.),  Zwischen  Saar  und  Mosel,
S.  473-485.
97  Jedenfalls  wurde  diese  Linie  saarländischer  Politik  innerhalb  der  Universität  und  auch  in  der  Öffentlichkeit
  breit  zur  Kenntnis  genommen,  siehe  hierzu:  Wolfgang  Müller,  Die  Universität  des  Saarlandes  in  der
politischen  Umbruchsituation  1955/56,  in:  Rainer  Hudemann,  Burkhard  Jellonnek  u.  Bernd  Rauls  unter
Mitarbeit  von  Marcus  Hahn  (Hgg.),  Grenz-Fall.  Das  Saarland  zwischen  Frankreich  und  Deutschland
1945-1960,  St.  Ingbert  1997  (=  Geschichte,  Politik  und  Gesellschaft.  Schriftenreihe  der  Stiftung  Demokratie
  Saarland  1),  S.  413-426,  hier:  S.  421  ff.
"s  LASB  AA  432,  Brief  Krause-Wichmann  an  Lorscheider  v.  28.3.56.
99  Zum  Zusammenhang  zwischen  den  Wahlen  und  der  Verhärtung  der  französischen  Position  siehe:
Lappenküper,  Deutsch-französische  Beziehungen,  S.  1127.
100  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  13.4.56.  Vgl.  hierzu  auch  Peter  Weiant,  Merkwürdige  Pressekonferenz
  der  Saarbergwerke,  in:  Mitteilungen  der  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  12
(1956),  S.  306-307.

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