Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

wollte.  Damit  w'aren  Konflikte  mit  dem  bundesdeutschen  Partner  vorprogrammiert.
Gegenüber  den  aufgebrachten  Reaktionen  im  Saarland  überrascht  allerdings  der  recht
optimistisch  gehaltene  Bericht  Hallsteins  über  diese  Verhandlungsrunde.84  Weniger
hoffnungsvoll  gestalteten  sich  jedoch  die  Berichte  anderer  Teilnehmer,  die  eine
Annäherung  weder  in  der  Frage  des  Moselkanals  noch  in  der  Frage  der  Fördermengen
im  Warndt  erkennen  konnten.8"  Selbst  der  eher  vorsichtig  formulierte  Bericht  von
Rolf  Lahr  bestätigte  schließlich  die  prekäre  strategische  Lage  der  saarländischen
Regierung.81 87’  Das  französische  Junktim  zwischen  Moselkanal  und  genereller  Zustimmung
  zur  Eingliederung  der  Saar  nach  Deutschland  bewertete  er  als  ein  Scheitern
der  deutsch-saarländischen  Verhandlungsstrategie,  da  somit  die  von  der
Saar-Regierung  vorgenommene  Koppelung  von  Moselkanal  und  französischen
Zugeständnissen  in  der  Warndtfrage  nicht  durchzusetzen  war.8  Heftige  Reaktionen
rief  diese  Verhandlungsrunde  daher  auch  bei  den  saarländischen  Vertretern  hervor.
Diese  versteiften  sich  angesichts  des  französischen  Junktims  immer  mehr  auf  weitreichende
  Forderungen  in  der  Warndtfrage,  wurden  daraufhin  aber  von  Hallstein  mit  der
Gefahr  des  Scheiterns  der  Verhandlungen  konfrontiert,  was  wohl  als  mehr  oder
weniger  sanfter  Druck  zu  verstehen  ist.88  Immerhin  konnte  Hallstein  gegenüber  den
Saarländern  wenigstens  von  einer  vorläufigen  -  und  den  saarländischen  Wünschen
weitgehend  entsprechenden  -  Fixierung  der  Eingliederungstermine  berichten,  welche
die  politische  Eingliederung  -  bei  Erfüllung  der  französischen  Forderungen  -  zum  1.
Januar  1957,  die  wirtschaftliche  Eingliederung  bis  zum  1.  Januar  1960  erwarten  ließ.
Allerdings  war  das  saarländische  Kabinett  damit  nicht  zu  beschwichtigen.  In  der
Sitzung  am  19.  März  1956  kamen  die  Regierungsmitglieder  überein,  von  ihrer  harten
Haltung  in  der  Wamdtfrage  nicht  abzurücken  und  auch  die  sich  anscheinend  im
Verlauf  der  Verhandlungen  bereits  andeutende  Kompromißlinie  nicht  zu  akzeptieren.
Die  Saar-Regierung  bekräftigte  erneut  ihre  Haltung,  daß  von  saarländischer  Seite  aus
keine  Gespräche  über  die  Moselfrage  möglich  seien,  wenn  nicht  vorher  die  Warndtfrage
  zufriedenstellend  gelöst  sei.  Zwar  fand  man  sich  bereit,  die  Festlegung  der
Eingliederungstermine  zu  begrüßen,89  ließ  aber  gleichzeitig  keinen  Zweifel  daran,
84  „Die  Dinge  seien  in  bemerkenswerter  Weise  in  Bewegung  gekommen“,  die  Verhandlungsatmosphäre  sei
gut,  insbesondere  existierten  Verhandlungsmöglichkeiten  bei  der  Warndtfrage,  LASB  AA  436,  Vermerk
v.  17.3.56.
85  LASB  AA  130,  Verhandlungsnotiz  v.  16.3.56.
86  Zur  Unklarheit  über  die  weitere  Entwicklung  der  Verhandlungen  siehe:  Lappenküper,  Deutsch-französische
  Beziehungen,  S.  1125.
87  LASB  AA  436,  Vermerk  v.  17.3.56.
88  LASB  AA  436,  Vermerk  über  eine  Besprechung  der  saarländischen  Vertreter  mit  Staatssekretär
Hallstein  am  17.3.56.  Hallstein  wird  dahingehend  zitiert,  daß  für  den  Fall  eines  Scheitems  der  Verhandlungen
  mit  einer  Fortsetzung  des  Status  quo  zu  rechnen  sei,  „ohne  daß  eine  Intervention  der  Engländer  und
der  Amerikaner  zu  erwarten  ist.  Wir  können  es  in  der  gegenwärtigen  Weltlage  nicht  auf  einen  offenen
Krach  mit  den  drei  Westmächten  ankommen  lassen.  Eine  Gewaltlösung  können  wir  uns  nicht  leisten.  Das
würde  unerfreulicher  sein  als  einige  weitere  Konzessionen,  auch  wenn  uns  diese  sehr  schwer  fallen.“
84  Blind  feiert  diese  Fixierung  in  seinen  Memoiren  geradezu  euphorisch,  Blind,  Unruhige  Jahre,  Bd.  2
S.  128.

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