Delegation erst für den zweiten oder dritten Verhandlungstag sinnvoll sei, weil
Deutsche und Franzosen vorher im engeren Kreis verhandeln würden. Der saarländische
Geschäftsträger in Paris dagegen empfahl seiner Regierung genau das Gegenteil.64
Aus dieser Situation erklärt sich wohl auch der von Adolf Blind in seinen Erinnerungen
ausführlich geschilderte Eklat zu Beginn der internationalen Verhandlungen. Erst
nachdem die saarländische Delegation mit Abreise gedroht habe, so Blind, sei sie
überhaupt vorgelassen worden. In politischer Hinsicht brachte die erste Verhandlungsrunde
ein scharfes Aufeinandertreffen konträrer Standpunkte, der wie ein
Schock auf die saarländische Delegation wirkte. Zwar setzte die deutsche Seite deren
indirekte Beteiligung, nämlich auf Expertenebene, durch;65 66 insbesondere in den
Fragen, die sich auf die Dauer der Übergangszeit, den Bau des Moselkanals oder auf
die Frage bezogen, welche rechtliche Ausgangssituation die Basis der Verhandlungen
bilden sollte, konnte aber keine Einigkeit erzielt werden. Die größte Verunsicherung
auf deutscher und saarländischer Seite rief der französische Vorschlag einer sehr
lange bemessenen Übergangszeit von ca. zehn Jahren hervor.6'' Ebensowenig vereinbar
mit der bisherigen Meinungsfindung im Saarland war die ultimative Forderung
nach Kanalisierung der Mosel. Offenkundig präsentierten die französischen Verhandlungspartner
hierbei eine ganze Reihe taktisch bedingter Maximalforderungen.
Die grundlegende Schwäche der saarländischen Position in dieser Situation bestand
darin, daß keine angemessenen und verhandelbaren Gegenforderungen vorbereitet
waren. Zwar konnte Blind seine Vorstellung zur Dauer der Übergangszeit gekoppelt
mit einem allgemein-politischen Vorwurf wirkungsvoll plazieren,6 weitergehende
Mittel oder Argumente zur Durchsetzung dieses Standpunktes standen aber anscheinend
nicht zur Verfügung. Ähnliches gilt in der Frage des Moselkanals. Der
Saar-Regierung konnte keine Argumente anführen, die über die seit Anfang Februar
durch ein Memorandum bekannten hinausgingen.6* Darin wurden jedoch im wesentli¬64
LASB AA 436, Bericht v. 18.2.56.
65 Blind, Unruhige Jahre, Bd. H, S. 104; zur Durchsetzung der saarländischen Beteiligung LASB AA 436
Besprechungsvermerk v. 20.2.56.
66 LASB AA 436 Besprechungsvermerk v. 26.2.56. Detaillierte Informationen zum Entscheidungsprozeß
auf französischer Seite bietet eine Note v. 28.1.56, vgl. Ministère des affaires étrangères, commission de
publication des documents diplomatiques français (Hg.), Documents diplomatiques français (im folgenden:
DDF) 1956, Paris 1988, Dok. 52, bes. S. 97,
(1 Ebd.; nach seinen eigenen Erinnerungen konfrontierte Blind den französischen Partner mit dem Vorwurf,
mit der Forderung nach einer langen Übergangszeit sozusagen auf „kaltem Wege“ das Ergebnis der
Volksabstimmung rückgängig machen zu wollen. Blind, Unruhige Jahre, Bd. 2 S. 112. Blind lieferte aus
Anlaß dieser Besprechung - also nachträglich - der deutschen Seite auch eine Argumentationshilfe, nach
der die Dauer der Übergangszeit für Frankreich ohnehin keine große Bedeutung habe, da ja auch Frankreich
an einer Aufrechterhaltung der Wirtschaftsbeziehungen darüber hinaus interessiert sei.
6!t LASB AA 432, Memorandum der Saar-Regierung v. Februar 1956. Ludw in Vogel, Integrationspolitik,
S. 252, erklärt die zeitliche Lücke in den Regierungsaktivitäten zur Moselfrage mit den Abstimmungsproblemen
im Zuge der Regierungsbildung im Saarland von Anfang Januar 1956. Dem ist nur insofern
zuzustimmen, als die Regierung zwar durchaus das mit diesem Projekt verbundene Problem thematisierte,
aber keine überzeugenden Gegenargumente fand.
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