Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

sischer  Wirtschaftsinteressen  bei  den  kommenden  Verhandlungen  befürwortete,
sondern  auch  vor  einer  Zwischenetappe  bei  der  Eingliederung  warnte,  die  sowohl  für
die  französischen  als  auch  fiir  die  saarländischen  Interessen  besonders  günstig  sein
würde/1'  Wenige  Tage  vorher  hatte  der  spätere  Leiter  der  saarländischen  Staatskanzlei
sogar  zwei  Typen  von  saarländischen  Positionen  identifiziert,  nämlich  saarländische
Forderungen  an  die  Verhandlungen  zwischen  Deutschland  und  Frankreich  und
Forderungen  gegenüber  der  Bundesrepublik  bezüglich  der  Eingliederung,  wobei  er
allerdings  den  letztgenannten  eine  sehr  viel  geringere  Priorität  zuwies.* 60
1.1.3 Der  ,,Schock"  am  20./21,  Februar  1956  in  Paris
Noch  bevor  gegen  Ende  Februar  die  Verhandlungen  auf  internationaler  Ebene  auch
offiziell  begannen,  deuteten  sich  weitere  Probleme  an.  Zwar  zeigte  der  erste  Versuch
der  neuen  Saar-Regierung,  selbständig  auf  der  Ebene  der  diplomatischen  Beziehungen
  aktiv  zu  werden,  kurzfristig  den  gewünschten  Effekt:  Durch  einen  „Höflichkeitsbesuch“
  von  Ministerpräsident  Ney  bei  dem  französischen  Außenminister  Pineau  trat
nach  Neys  Darstellung  eine  deutliche  Verbesserung  des  Gesprächsklimas  ein.61
Konterkariert  wurden  diese  diplomatischen  Bemühungen  jedoch  durch  den  öffentlichen
  Skandal  um  eine  informelle  Paris-Reise  von  Johannes  Hoffmann  und  dem
früheren  Wirtschaftsminister  Franz  Ruland,  die  dort  gemeinsam  mit  Pineau  und  Faure
die  kommenden  Saarverhandlungen  erörtert  hatten.  Die  nach  der  Darstellung  des
deutschen  Botschafters  in  Paris  zitierte  Erklärung  des  Kabinettchefs  von  Staatssekretär
  Faure  hierzu,  bei  dem  Gespräch  sei  von  Seiten  der  Saarländer  kein  Widerspruch
  zu  den  Standpunkten  der  Saar-Regierungen  formuliert  worden  und  ein  solcher
sei  von  französischer  Seite  auch  nicht  gesucht  worden,  kann  man  wohl  nur  als  indirekte
  Drohung  damit  werten.62 *  Im  Verhältnis  zur  deutschen  Seite  traten  zudem  die
ungeklärten  Fragen  der  Verhandlungsführung  deutlich  zutage.  Das  Kabinett  sah  sich
am  16.  Februar  1956  zu  der  Forderung  veranlaßt,  daß  die  saarländische  Delegation
bei  allen  künftigen  Verhandlungen  beteiligt  sein  solle,  damit  keine  Abmachungen
zwischen  Deutschen  und  Franzosen  getroffen  würden,  zu  denen  die  Saar-Vertreter
nicht  vorher  gehört  worden  seien.  Weiterhin  beschloß  man  vorsichtshalber,  bereits  zu
Beginn  der  Verhandlungen  in  Paris  mit  einer  möglichst  hochkarätig  besetzten  Delegation
  anzureisen.61  Andererseits  berichtete  zwei  Tage  später  der  saarländische
Vertreter  in  Paris  von  einer  Besprechung  mit  dem  deutschen  Delegationschef  Rolf
Lahr,  während  der  dieser  deutlich  gemacht  habe,  daß  die  Anreise  der  saarländischen

?9  LASB  StK,  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW  Ministerium  für  Finanzen,  Akten  Blind,  vertrauliches
Memorandum  v.  2.1.56.
50  LASB  AA  435,  Protokoll  v.  30.1.56.
6!  Allerdings  hatte  Ney  nach  eigener  Darstellung  auch  darauf  verzichtet,  Details  der  zu  verhandelnden
Regelungen  anzusprechen.  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  11.2.56.
i>:  LASB  AA  376,  ungezeichneter  Bericht  (Maltzan?)  v.  18.2.56.  Interessant  ist  der  Vergleich  mit  einem
Bericht  vom  gleichen  Tag  aus  der  saarländischen  Vertretung  in  Paris,  in  dem  dieser  Besuch  keine  Erwähnung
  findet,  siehe  LASB  AA  436,  Bericht  v.  18.2.56.
6j  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  16.2.56.

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