Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Saar-Pfalz-Kanal  auch  von  der  Agenda  der  saarländisch-deutschen  Verhandlungen
abgesetzt  war.
Zwischen  bundesdeutscher  und  saarländischer  Seite  traten  zudem  Probleme  auf,  die
auf  Unsicherheiten  über  die  angemessene  Verhandlungsführung  zurückzuführen  sind:
Anfang  Februar  nahm  die  Saar-Regierung  Kenntnis  von  einer  Direktive  des  Auswärtigen
  Amtes  in  Bonn,  nach  der  die  bisher  von  Deutschland  nicht  anerkannten
Konventionen  zwischen  dem  Saarland  und  Frankreich  „auch  in  Zukunft  nicht  anerkannt“
  werden  dürften.  Der  Saarvertrag  sei  als  „ein  formell  neues,  umfassendes
Abkommen“  zu  schließen.  Aus  den  Konventionen  vom  3.  Mai  1955  seien  höchstens
„nützliche,  wenn  auch  nicht  in  allen  Punkten  befriedigende  FJinweise“  zu  ziehen."4
Dagegen  schlug  der  interministerielle  Saarausschuß  in  Bonn  in  einem  Grundsatzpapier
  für  Außenminister  von  Brentano  vor,  die  Konventionen  zwar  weiterhin  nicht
anzuerkennen,  aber  immerhin  vom  Status  quo  auszugehen  und  die  gegenwärtige
Situation  sogar  zur  Grundlage  der  weiteren  Ausgestaltung  der  Übergangszeit  zu
machen."  Dieser  Standpunkt  wurde  von  Adolf  Blind  aufgenommen  und  akzeptiert."6
Viele  saarländische  Experten  und  Fachministerien  argumentierten  jedoch  weiterhin
vollständig  vom  Standpunkt  der  geltenden  Regelungen  aus,  so  z.B.  das  Arbeitsministerium,
  das  am  30.  Januar  1956  in  einer  internen  Besprechung  die  Richtlinie
festlegte,  man  „dürfe  den  Gedanken  an  eine  freiwillige  Aufgabe  der  höheren  [sozialen]
  Leistungen  [im  Saarland]  nicht  aufkommen  lassen“.54 57  Teilweise  reichten  die
Widersprüche  aber  auch  über  rein  taktische  Aspekte  weit  hinaus.58  Anfang  Februar
beispielsweise  erfuhr  das  saarländische  Finanzministerium  von  einer  Studie  aus  dem
Bundesfinanzministerium,  die  nicht  nur  eine  weitreichende  Berücksichtigung  franzö¬54

  LASB  AA  436,  Direktive  v.  Februar  56.  Instruktiv  zur  Unsicherheit  auf  bundesdeutscher  Seite  in  dieser
Frage  ist  der  Bericht  des  Bundesau(3enministers  vor  dem  Auswärtigen  Ausschuß  des  Bundestages,
abgedruckt  in:  Wolfgang  Hölscher  (Bearb.),  Der  Auswärtige  Ausschuß  des  Deutschen  Bundestages.
Sitzungsprotokolle  1953-1957,  Düsseldorf  2002  (=  Quellen  zur  Geschichte  des  Parlamentarismus  und  der
politischen  Parteien,  Vierte  Reihe:  Deutschland  seit  1945,  Bd.  13/11),  Dok.  53,  v.a.  S.  Hilf,  und  die
Diskussion  hierzu  ebd.,  S.  1127ff.
55  LASB  AA  382,  Protokoll  v.  6.2.56.  Möglicherweise  können  diese  Unsicherheiten  auf  deutscher  Seite  als
weitere  Erklärung  für  die  von  Lappenküper,  Deutsch-französische  Beziehungen,  S.  1116  und  S.  118,
erwähnten  Bestrebungen  innerhalb  der  Bundesregierung  gelten,  die  Verhandlungsführung  im  Auswärtigen
Amt  zu  zentralisieren.  Vgl.  hierzu  auch  Daniel  Koerfer,  Zankapfel  Europapolitik:  Der  Kompetenzstreit
zwischen  Auswärtigem  Amt  und  Bundeswirtschaftsministerium  1957/58,  in:  Politische  Vierteljahresschrift
29  (1988),  S.  553-568.
56  Vgl.  seine  Überarbeitung  des  Sitzungsprotokolls  in:  LASB  StK,  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW
Ministerium  für  Finanzen,  Akten  Blind,  Vorlage  v.  6.2.56.
57  LASB  AA  435,  Protokoll  v.  30.1.56.
58  M.E.  stellt  der  verhandlungstaktische  Aspekt  einen  der  wichtigsten  Gründe  für  die  von  Lappenküper
erwähnten  Vorstöße  des  Auswärtigen  Amtes  dar,  die  darauf  abzielten,  die  Kontakte  zwischen  deutschen
und  saarländischen  Stellen  „auf  das  äußerste  Maß“  einzuschränken,  Lappenküper,  Deutsch-französische
Beziehungen,  S.  1114.  Diese  Linie,  die  im  Januar  gar  zu  einer  Richtlinie  der  Politik  des  Bundeskanzlers
wurde  (ebd.,  S.  1116),  ist  weniger  auf  Rücksichtnahmen  auf  französische  Interessen  zurückzuführen,
sondern  steht  wohl  eher  im  Kontext  der  Bemühungen  des  Auswärtigen  Amtes,  die  Federführung  in  den
Verhandlungen  auch  faktisch  zu  behalten  und  eine  einigermaßen  klare  deutsche  Verhandlungslinie
aufzubauen.

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