Diese diplomatischen Konflikte waren signifikant für die Entwicklung des
saarländisch-französischen Verhältnisses und die Stellung der Saar-Regierung in der
Zeit zwischen Volksabstimmung und Eingliederung in die Bundesrepublik. Als Konflikt
um formale Autonomie gegenüber Frankreich wiesen die Vorgänge in die
Vergangenheit: Auch in „inneren Angelegenheiten“ - insbesondere personalpolitischen
Fragen - war die Autonomie des Saarlandes durch die Volksabstimmung nicht
weniger prekär geworden. Die Konfliktlinien verliefen vielmehr weiterhin entlang
den gewohnten Pfaden, was nicht zuletzt auch die prompte und routinierte Reaktion
des Auswärtigen Amts des Saarlandes erklärt. Die Möglichkeit jedoch, durch direkte
Einflußnahme Konfliktprävention zu betreiben, war nicht mehr gegeben. Die engen
Kontakte zur französischen Vertretung an der Saar, die noch zwischen Johannes
Hoffmann und Gilbert Grandval bestanden hatten, wurden durch eine zunehmend von
Verunsicherung und gegenseitigem Mißtrauen geprägte Atmosphäre abgelöst. Offenkundig
war man auf französischer, sicher aber auf saarländischer Seite entschlossen,
bei der Behandlung von Einzelfragen stärker die abstrakt-politische Dimension zu
betonen. Das stärkte kurzfristig die saarländische Position, insofern sie sich ausdrücklich
auf das „Mandat“ des Mehrheitswillens im Referendum berufen konnte, andererseits
schwächte es sie aber entscheidend, wenn Einzelfragen auf eine politisch übergeordnete
Ebene gehoben wurden, ’6
Eine systematische Vorbereitung der sich abzeichnenden Verhandlungen über die
weitere Zukunft der Saar blieb im Efmfeld der Landtagswahlen vom 18. Dezember
1955 aus. Noch im Dezember 1955 betonte die saarländische Vertretung in Paris
ausdrücklich die Notwendigkeit einer solchen Vorbereitung, da saarländische Interessen
sowohl gegenüber Frankreich als auch gegenüber Deutschland durchzusetzen
seien.3 Allerdings wurden weder die Schriftwechsel zwischen der Bundesrepublik
und Frankreich bearbeitet, in denen Grundlinien der künftigen Einigung bereits
skizziert wurden, noch war man an den ersten Vorgesprächen beteiligt.33 Offenbar
blieb das Kabinett Welsch von den Vorarbeiten zur vertraglichen Lösung der Saarfrage
weitgehend isoliert. Intensivere Vorarbeiten in einzelnen Sachfragen liefen erst
im Januar 1956 an. Zumindest im Bereich des Finanzministeriums, begünstigt wohl
auch durch die Personalkontinuität an der Ministeriumsspitze, wurden weitreichende
Vorüberlegungen zur Ausgestaltung der kommenden Übergangszeit angestellt.w ln
des Rundfunks im Abstimmungskampf vgl. Heribert Schwan, Der Rundfunk als Instrument der Politik
1945-1955, Berlin 1974.
Zur Lösung dieses Dilemmas auf französischer Seite siehe: Lappenküper, Deutsch-französische
Beziehungen, S. I 103f.
LASB AA 1286, Monatsbericht Dezember 1955.
’s Lappenküper, Deutsch-französische Beziehungen, S. 1100-1118, räumt diesen Konsultationen in seiner
Darstellung breiten Raum ein. Detailliert hierzu auch: Craddock, Saar-Problem, S. 462ff. Eine Chronologie
der Treffen ist abgedruckt in: Grenzland und Brücke, S. 146.
l’ LASB StK Kabinettsregistratur, Anlage MW, Ministerium für Finanzen, Akten Blind, Rede Blinds „Zur
Frage der wirtschaftlichen Eingliederung der Saar in die Bundesrepublik unter besonderer Berücksichtigung
der Angleichung der Arbeits- und Lebensbedingungen“, 6.1.56.
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