Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Diese  diplomatischen  Konflikte  waren  signifikant  für  die  Entwicklung  des
saarländisch-französischen  Verhältnisses  und  die  Stellung  der  Saar-Regierung  in  der
Zeit  zwischen  Volksabstimmung  und  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik.  Als  Konflikt
  um  formale  Autonomie  gegenüber  Frankreich  wiesen  die  Vorgänge  in  die
Vergangenheit:  Auch  in  „inneren  Angelegenheiten“  -  insbesondere  personalpolitischen
  Fragen  -  war  die  Autonomie  des  Saarlandes  durch  die  Volksabstimmung  nicht
weniger  prekär  geworden.  Die  Konfliktlinien  verliefen  vielmehr  weiterhin  entlang
den  gewohnten  Pfaden,  was  nicht  zuletzt  auch  die  prompte  und  routinierte  Reaktion
des  Auswärtigen  Amts  des  Saarlandes  erklärt.  Die  Möglichkeit  jedoch,  durch  direkte
Einflußnahme  Konfliktprävention  zu  betreiben,  war  nicht  mehr  gegeben.  Die  engen
Kontakte  zur  französischen  Vertretung  an  der  Saar,  die  noch  zwischen  Johannes
Hoffmann  und  Gilbert  Grandval  bestanden  hatten,  wurden  durch  eine  zunehmend  von
Verunsicherung  und  gegenseitigem  Mißtrauen  geprägte  Atmosphäre  abgelöst.  Offenkundig
  war  man  auf  französischer,  sicher  aber  auf  saarländischer  Seite  entschlossen,
bei  der  Behandlung  von  Einzelfragen  stärker  die  abstrakt-politische  Dimension  zu
betonen.  Das  stärkte  kurzfristig  die  saarländische  Position,  insofern  sie  sich  ausdrücklich
  auf  das  „Mandat“  des  Mehrheitswillens  im  Referendum  berufen  konnte,  andererseits
  schwächte  es  sie  aber  entscheidend,  wenn  Einzelfragen  auf  eine  politisch  übergeordnete
  Ebene  gehoben  wurden,  ’6
Eine  systematische  Vorbereitung  der  sich  abzeichnenden  Verhandlungen  über  die
weitere  Zukunft  der  Saar  blieb  im  Efmfeld  der  Landtagswahlen  vom  18.  Dezember
1955  aus.  Noch  im  Dezember  1955  betonte  die  saarländische  Vertretung  in  Paris
ausdrücklich  die  Notwendigkeit  einer  solchen  Vorbereitung,  da  saarländische  Interessen
  sowohl  gegenüber  Frankreich  als  auch  gegenüber  Deutschland  durchzusetzen
seien.3  Allerdings  wurden  weder  die  Schriftwechsel  zwischen  der  Bundesrepublik
und  Frankreich  bearbeitet,  in  denen  Grundlinien  der  künftigen  Einigung  bereits
skizziert  wurden,  noch  war  man  an  den  ersten  Vorgesprächen  beteiligt.33  Offenbar
blieb  das  Kabinett  Welsch  von  den  Vorarbeiten  zur  vertraglichen  Lösung  der  Saarfrage
  weitgehend  isoliert.  Intensivere  Vorarbeiten  in  einzelnen  Sachfragen  liefen  erst
im  Januar  1956  an.  Zumindest  im  Bereich  des  Finanzministeriums,  begünstigt  wohl
auch  durch  die  Personalkontinuität  an  der  Ministeriumsspitze,  wurden  weitreichende
Vorüberlegungen  zur  Ausgestaltung  der  kommenden  Übergangszeit  angestellt.w  ln

des  Rundfunks  im  Abstimmungskampf  vgl.  Heribert  Schwan,  Der  Rundfunk  als  Instrument  der  Politik
1945-1955,  Berlin  1974.
Zur  Lösung  dieses  Dilemmas  auf  französischer  Seite  siehe:  Lappenküper,  Deutsch-französische
Beziehungen,  S.  I  103f.
LASB  AA  1286,  Monatsbericht  Dezember  1955.
’s  Lappenküper,  Deutsch-französische  Beziehungen,  S.  1100-1118,  räumt  diesen  Konsultationen  in  seiner
Darstellung  breiten  Raum  ein.  Detailliert  hierzu  auch:  Craddock,  Saar-Problem,  S.  462ff.  Eine  Chronologie
  der  Treffen  ist  abgedruckt  in:  Grenzland  und  Brücke,  S.  146.
l’  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Ministerium  für  Finanzen,  Akten  Blind,  Rede  Blinds  „Zur
Frage  der  wirtschaftlichen  Eingliederung  der  Saar  in  die  Bundesrepublik  unter  besonderer  Berücksichtigung
  der  Angleichung  der  Arbeits-  und  Lebensbedingungen“,  6.1.56.

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