Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

In  engem  Zusammenhang  mit  der  partizipativen  Anlage  gesellschaftlicher  Problemlösung
  im  bundesdeutschen  Föderalismus  ist  schließlich  die  Bedeutung  von  „Geschichte“
  zu  verstehen.  Sie  übernahm  bei  der  Diskussion  um  Übereinstimmung  und
Dissens  hinsichtlich  der  mit  Raumsymbolen  kommunizierten  Probleme  in  der  Landespolitik
  eine  zentrale  Funktion.  Als  Instrument  zur  Komplexitätsreduktion  erlaubte
sie  einerseits  die  Gegenüberstellung  unterschiedlicher  Deutungen  der  Region  und
damit  der  ihrer  speziellen  Charakteristika  als  besonders  angemessen  anzusehenden
Lösungsstrategien.  Die  Verarbeitung  regionaler  Probleme  erhielt  dadurch  im  auf
Wettbewerb  ausgerichteten  parlamentarischen  System  die  Gestalt  von  Konflikten
über  die  regionale  Deutungshoheit.  Des  weiteren  erlaubte  Geschichte  als  Argument
in  der  politischen  Diskussion  in  bestimmten  Entscheidungssituationen,  in  denen  die
Erfolgsaussichten  von  Lösungsvorschlägen  a  priori  schwer  klärbar,  jedenfalls  aber
nicht  garantierbar  waren,  einen  Konsens  über  eine  bestimmte  Vorgehensweise  herzustellen.
  Geschichte  füllte  auf  diese  Weise  Rationalitätslücken  in  der  gesellschaftlichen
Integration.
Mit  Blick  auf  das  Saarland  ist  daher  der  Rudolph’schen  These  von  den  60er  Jahren
als  „zweite  formative  Phase“  der  Bundesrepublik  in  modifizierter  Form  zuzustimmen.
Zwar  kann  die  Geschichte  dieses  Zeitabschnitts  nicht  uneingeschränkt  als  „Erfolgsgeschichte“
  geschrieben  werden.  Alleine  schon  die  Tatsache,  daß  sich  gegen  Ende
der  60er  Jahre  die  Hoffnungen  auf  ökonomische  Prosperität  bei  vielen  Zeitgenossen
trotz  aller  Anpassungsleistung  immer  noch  auf  Strukturelemente  der  Region  richteten,
die  sich  mittelfristig  nur  teilweise  als  tragfähig  erwiesen  haben,  spricht  dagegen.  Mit
der  Überschneidung  älterer  Problemlagen  mit  neuen  Schwierigkeiten  und  traditioneller
  Lösungsansätze  mit  struktureller  Neuorientierung  von  Politik  ist  das  Saarland  aber
nach  der  Eingliederung  ein  typisches  Beispiel  für  den  von  Modernisierung  geprägten
Zeitabschnitt  voller  Widersprüche.  Allerdings  ist  für  das  Saarland  von  „langen“  60er
Jahren,  nämlich  von  1956  bis  1970,  auszugehen  -  nicht  nur  wegen  der  Verspätung  der
Föderalisierung,  die  durch  den  saarländischen  Sonderweg  in  der  Nachkriegszeit
bedingt  war.  Obwohl  anfangs  versucht  wurde,  sozusagen  im  Zeitraffer  die  Eingliederung
  als  Nachholprozeß  zu  gestalten,  dauerte  dieser  Vorgang  doch  bis  Ende  der
60er  Jahre,  und  zwar  nicht  nur  aufgrund  der  rasanten  Beschleunigung  in  der  Veränderung
  grundlegender  Elemente  der  ökonomischen  Grundlagen  der  westlichen
Industriestaaten,  sondern  auch  aufgrund  der  dadurch  ausgelösten  rapiden  Anpassung
von  Prinzipien  föderaler  Politik  im  westdeutschen  Bundesstaat.  In  diesem  Sinne  mit
Paul  Erker  von  den  langen  60er  Jahren  als  „Gelenkzeit“  saarländischer  Geschichte  zu
sprechen  erscheint  daher  mehr  als  gerechtfertigt.  Möglicherweise  deutet  dies  darauf
hin,  daß  ganz  allgemein  der  regionalen  Ebene  der  Verarbeitung  von  Problemen  im
Prozeß  der  Modernisierung  auch  in  der  Bundesrepublik  eine  zentrale  Rolle  zuzuweisen
  ist.  Das  Konzept  von  Bundesländern  als  räumlicher  Code  zur  gesellschaftlichen
Verarbeitung  von  Problemen  -  und  der  speziellen  Funktion  von  Geschichte  darin  -
schärft  den  Blick  für  Art  und  Umfang  der  hier  erbrachten  Anpassungsleistungen.

413
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.