Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

und  zog  sie  auch  mittelfristig  in  Mitleidenschaft.  Dagegen  entwickelten  sich  diejenigen
  Kreise,  in  denen  die  Strukturverhesserung  weiter  fortgeschritten  war,  auch  in  der
Krise  sehr  viel  günstiger.  Indessen  erwies  sich  in  der  gesamtwirtschaftlichen  Entwicklung
  die  bereits  früher  erworbene  Erfahrung,  daß  das  insgesamt  einseitig  und
ungünstig  strukturierte  Land  von  positiven  Einflüssen  der  nationalen  Wirtschaftsentwicklung
  weniger  stark,  von  negativen  dafür  um  so  stärker  berührt  wurde,  erneut
als  richtig.
Der  regionalspezifische  Verlauf  der  Wirtschaftskrise  beeinflußte  deren  Perzeption
durch  die  Landespolitik.  Bereits  während  der  Übergangszeit  war  die  politische
Auseinandersetzung  über  die  als  notwendig  angesehenen  Anpassungsleistungen  in
Politik  und  Wirtschaft  in  einer  mit  historischen  Argumenten  geführten  Debatte
erfolgt.  Damals  spielte  die  Phase  der  Teilautonomie  und  die  Bewertung  der  in  dieser
Zeit  realisierten  Politik  die  wichtigste  Rolle.  Besonders  aufschlußreich  für  den  dabei
festzustellenden  Perspektivenwechsel  ist  der  Vergleich  der  in  diesen  Debatten  vorgenommenen
  Periodisierungsversuche:  Wurde  zunächst  das  Referendum  des  Jahres
1955  als  der  entscheidende  Wendepunkt  in  der  Saargeschichte  angesehen,  traten
später  der  Regierungsgipfel  vom  Juni  1956,  die  Verabschiedung  des  Eingliederungsgesetzes,
  die  W'ährungsgarantie  für  saarländische  Sparer  oder  auch  der  Tag  der
wirtschaftlichen  Eingliederung  an  diese  Stelle.  Alternative  Formen  der  Rückbindung
von  Landespolitik,  wie  z.B.  die  Legitimierung  politischer  Initiativen  durch  den
Rückgriff  auf  Expertenwissen  oder  auf  wissenschaftlich-technische  Erkenntnisse
waren  demgegenüber  schwer  durchzusetzen.  Noch  in  der  Übergangszeit  hatte  vor
allem  die  SPD-Führung  einen  derartigen  Versuch  unternommen,  als  sie  sich  in  den
zwischen  den  anderen  Fraktionen  teilweise  leidenschaftlich  geführten  Debatten  über
die  Teilautonomie  besonders  stark  als  vor  allem  durch  ihre  Sachkompetenz  in  der
Sozialpolitik  ausgezeichnete  politische  Kraft  zu  profilieren  suchte.  Damit  konnten
zwar  die  nach  der  früh  erfolgten  organisatorischen  Vereinigung  mit  der  SPS  auf  das
Innenverhältnis  übertragenen  Grundsatzkonflikte  kanalisiert  werden,  nach  außen  hin
übernahm  sie  als  langjährige  Regierungspartei  aber  sogar  Mitverantwortung  für  das
Scheitern  bestimmter  Ziele  im  Zuge  der  Eingliederung.  Ähnliches  gilt  für  die  frühen
60er  Jahre,  als  die  Partei  ihre  besonders  moderne,  auf  den  Einsatz  planerischer,  innovativer
  und  wissenschaftlich  abgesicherter  regionalpolitischer  Instrumente  ausgerichtete
  Politik  nicht  in  entsprechende  Wahlerfolge  umsetzen  konnte.  Genausowenig
konnte  auch  die  DPS,  deren  Saarbrücker  Oberbürgermeister  in  dieser  Zeit  mit  seiner
auf  eine  grundlegende  Reform  der  Kommunalpolitik  ausgerichteten  Politik  erhebliche
öffentliche  Aufmerksamkeit  erhielt,  diesen  Ansatz  zur  Verbesserung  oder  wenigstens
Stabilisierung  ihrer  Wahlergebnisse  verwenden:  Nicht  einmal  in  der  Stadt  Saarbrücken
  selber  konnte  sie  ihre  frühere  Machtstellung  halten.
Um  so  fataler  wirkte  sich  die  regionale  Wirtschaftskrise  der  Jahre  1966/67  auf  die
Position  des  Ministerpräsidenten  aus,  der  seine  erste  Regierungserklärung  nach  der
Landtagswahl  von  1965  auf  der  autoritativ  formulierten  Feststellung  aufgebaut  hatte,

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