wechselnden Koalitionsverhältnisse der Übergangszeit in bestimmtem Maße Teilverantwortung
für Entscheidungen der Vergangenheit übernehmen mußten.
Nicht weniger sensibel war der zweite Themenschwerpunkt der landespolitischen
Diskussion über die Stagnationskrise. In einer als konzeptionelle Debatte geführten
Auseinandersetzung über Prinzipien der Wirtschaftspolitik trafen das Regierungskonzept
der Auflockerung der Industriestruktur und die von der Opposition seit
Anfang der 60er Jahre immer pointierter geforderte Umstrukturierung der Region
aufeinander. Ökonomisch gesprochen betraf diese Debatte die schwer zu entscheidende
Frage, ob staatliche Eingriffe in die Wirtschaftsstruktur nicht möglicherweise
höhere Kosten verursachen würden, als sie Vorteile zu erzeugen versprachen. Politisch
trafen damit die traditionelle Wirtschaftspolitik des Landes, die in der Stagnationskrise
um bestimmte neue, an wissenschaftlich prognostizierten Auswirkungen
des sektoralen Strukturwandels orientierte Instrumente ergänzt wurde, und ein vor
allem von der SPD adaptierter neuer Politikstil aufeinander. Dieser forderte eine
engere Anbindung politischer Konzepte an wissenschaftliche Experten und gutachterliche
Stellungnahmen und sah die Rationalisierung und Optimierung staatlicher
Maßnahmen durch das Instrument der Planung vor. Politisch war diese Auseinandersetzung
bedeutend, weil darin zwei grundsätzlich verschiedene Ansätze aufeinandertrafen,
zwischen denen ein Kompromiß kaum möglich erschien.
Das derartig zugespitzte Auftreten verschiedener Standpunkte war in der Geschichte
des Bundeslandes bis dahin nicht bekannt. Zwar waren mit derCVP die Befürworter
des europäischen Statuts für das Saarland praktisch während der ganzen Übergangszeit
sogar als Fraktion institutionell abgesichert im Landtag vertreten, und pointierter
als der Konflikt zwischen „Ja“ und „Nein“ konnte ein Widerspruch kaum formuliert
werden. Allerdings war das Verhältnis der früheren Kontrahenten bereits sehr früh
nach der Landtagswahl von 1955 immer deutlicher von Kooperation geprägt. Die
frühere Einstellung zur Abstimmungsfrage stellte keine unüberwindbare Schwelle zur
Partizipation an parlamentarischen Mitbestimmungsrechten dar und erst recht keine
Zutrittsschwelle zum politischen System; selbst die Möglichkeit der Regierungsbeteiligung
war davon unberührt, wie die Bildung einer Koalition gegen die DPS
unter Ministerpräsident Egon Reinert im Jahr 1959 zeigt. Alle politischen Kräfte, die
sich gemäß dem als Entscheidung für Deutschland interpretierten Abstimmungsergebnis
zur Eingliederung als politisches Ziel bekannten, waren prinzipiell kooperationsfahig.
Mehr noch: Als übergeordnetes Leitziel politischen Handelns ging von der
Eingliederung geradezu Zustimmungs- und Konsenszwang aus, der damit schwer
vereinbare Positionen wie z.B. die Kritik der DPS an bestimmten Aspekten des
Eingliederungsgesetzes grundsätzlich delegitimierte. Dadurch entwickelte sich in der
Übergangszeit eine Art Sonderparlamentarismus, der durch bestimmte Aspekte des
deutsch-saarländischen Verhältnisses noch verstärkt wurde: Bei der Ausgestaltung
der Übergangszeit zwischen Bundesrepublik und Saarland kam den Verhandlungen
auf Regierungsebene die wichtigste Bedeutung zu. Das Verhältnis zwischen diesen
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