Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

verankerten  und  politisch  verantwortlichen  Kraft  in  den  Verhandlungen,* 26  aber  auch
die  vertraglich  vereinbarten  Verhandlungsergebnisse  unter  dieser  Perspektive  Beachtung
  finden.  Zu  klären  ist  damit,  inwieweit  die  Verhandlungen  als  diplomatischer
Prozeß  der  Komplexität  und  dem  Umfang  der  zu  lösenden  Probleme  gerecht  werden
konnten.
1.1.2 Der  konfliktträchtige  Beginn  in  Saarbrücken
Schon  vor  dem  Referendum  hatte  sich  das  Dreiecksverhältnis  zwischen  teilautonomer
Saar-Regierung,  Pariser  Zentrale  und  deren  Saarbrücker  Vertretung  nur  selten  entspannt
  oder  unverkrampft  entwickelt.  Auch  nach  dem  23.  Oktober  setzte  sich  dies
fort:  Einen  ersten  Anlaß  dazu  bot  das  Ansinnen  der  mission  diplomatique,  wie  jedes
Jahr  am  11.  November  eine  Gedenkveranstaltung  für  die  Opfer  des  Nationalsozialismus
  auf  der  Neuen  Bremm  durchzuführen.2  Das  saarländische  Kabinett  empfahl,
diese  Veranstaltung  vom  Karnevalsbeginn  -  und  damit  von  Armistice  -  wegzuverlegen
  und  sie  statt  dessen  am  Totensonntag,  dem  20.  November  1956,  durchzuführen.
Dieser  Termin  sei  vorzuziehen,  so  wurde  argumentiert,  weil  er  „den  Gefühlen  der
saarländischen  Bevölkerung  mehr  entsprechen  würde“.2S
Einen  weiteren  Anlaß  für  „Mißverständnisse“  bot  ein  Notenwechsel  zwischen  der
saarländischen  und  der  französischen  Regierung.21 *'  Am  4.  November  1955  äußerte
letztere  Kritik  an  „gewissen  Maßnahmen“  der  Saar-Regierung,  die  sich  gegen  Personen
  richteten  und  denen  weitergehende  politische  Bedeutung  zugewiesen  wurde.'"
Die  Schärfe  dieses  Konflikts  zeigte  sich  unter  anderem  auch  darin,  daß  der  französische
  Botschafter  de  Carbonnei  nicht  befugt  war,  bei  der  Übergabe  der  Note  weitergehende
  Erklärungen  abzugeben.31  Die  Reaktion  des  Kabinetts  auf  diese  Vorgänge

2h  Eine  zentrale  Funktion  zur  Koordinierung  der  diplomatischen  Aktivitäten  übernahm  anfangs  das  Amt  für
Auswärtige  und  Europäische  Angelegenheiten.  Zur  Behördengeschichte  des  „Auswärtigen  Amtes“  siehe:
Michael  Sander,  Die  auswärtigen  Behörden  des  Saarlandes  1952  bis  1956,  in:  Wolfgang  Haubrichs,
Wolfgang  Läufer  u.  Reinhard  Schneider  (Hgg.),  Zwischen  Saar  und  Mosel.  Festschrift  für  Hans-Walter
Herrmann  zum  65.  Geburtstag,  Saarbrücken  1995  (=  Veröffentlichungen  der  Kommission  für  Saarländische
  Landesgeschichte  und  Volksforschung  24),  S.  457-471.  Nach  der  Abberufung  von  Emil  Straus  aus
der  saarländischen  Vertretung  in  Paris  konnte  dessen  Leiter,  Gotthard  Lorscheider,  diese  ursprünglich
wohl  vorgesehene  Funktion  ausüben,  bis  im  Zuge  der  Eingliederung  des  Saarlandes  nach  Deutschland  die
diplomatische  Selbständigkeit  des  Landes  ihr  Ende  fand.
2  Zur  Geschichte  des  Lagers  vgl.  Elisabeth  Thalhofer,  Neue  Bremm  -  Terrorstätte  der  Gestapo.  Ein
Erweitertes  Polizeigefangnis  und  seine  Täter  1943-1944,  St.  Ingbert  2002.  Den  Umgang  mit  der  Geschichte
  des  Lagers  in  der  Nachkriegszeit  untersucht  Elisabeth  Do  Lam,  Die  Erinnerung  an  das  Saarbrücker
  Lager  Neue  Bremm  in  den  Medien  nach  1946,  (Staatsarb.)  Saarbrücken  2000.
2S  StK  1712,  Kabinettsprotokoll  v.  2.1  1.55.
2M  LASB,  AA  454,  Note  der  frz.  Regierung  an  die  Regierung  des  Saarlandes  v.  4.11.55.
1  Genannt  wurde  insbesondere  der  Fall  des  Rundfunkdirektors  Görgen;  womöglich  stellte  diese  Note  aber
auch  eine  Anspielung  auf  die  Abberufung  von  Emil  Straus  aus  der  Gesandtschaft  des  Saarlandes  in  Paris
dar.  Dessen  Abberufung  erfolgte  am  3.11.55  mit  Wirkung  zum  12,11.55.  Mit  der  Wahrung  der  Geschäfte
wmrde  Legationsrat  Dr.  Etzler  beauftragt.  LASB,  StK  1712.  Kabinettsprotokoll  v.  3.11.55.  Zu  sonstigen
personalpolitischen  Maßnahmen  der  Übergangsregierung:  Craddock,  Saar-Problem,  S.  458.
31 Zu  diesem  frühen  Konflikt  siehe:  Lappenküper,  Deutsch-französische  Beziehungen,  S.  1102.  Die
Einschätzung  Lappenküpers:  „Zunächst  sah  sich  Frankreich  aber  weniger  ökonomischen,  denn  politischen

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