daher nicht gefragt - und wurden auch nicht geliefert. CVP und SPS, die im teilautonomen
Saarstaat über lange Jahre hinweg die politische Macht fest in den Händen
gehalten hatten, wurden zwar nicht durch das Referendum, sondern durch die darauf
folgende Landtagswahl vom 18. Oktober 1955 von ihren unmittelbaren politischen
Gegnern abgelöst; die Heimatbundregierungen führten aber die spätestens 1949
entwickelte Wirtschaftspolitik nahtlos fort. Unter dem Schlagwort „Auflockerung der
Industriestruktur“ setzte man auch in der Übergangszeit zwischen Referendum und
wirtschaftlicher Eingliederung auf die Ansiedlung von Unternehmen, die sowohl
branchenmäßig als auch geographisch außerhalb des Montankerns liegen sollten.
Nicht zuletzt mit Geld aus Bonn wurde eine regionale Wirtschaftsforderungskulisse
weiter ausgebaut, die das Saarland gegen konjunkturelle Schwankungen absichern
helfen und - als einziges neues Element - besondere Härten des angestrebten Umstellungsprozesses
der Wirtschaft von Frankreich auf Deutschland abfedern sollte.
Zur Entwicklung grundlegend neuer Konzepte blieb auch gar keine Zeit. Neben der
außerordentlich arbeitsintensiven Umstellung quasi aller administrativen und juristischen
Normen und Regelungen vom saarländischen, in vielen Bereichen französisch
beeinflußten Nachkriegsmodell auf das neue bundesdeutsche Vorbild kämpfte
die Wirtschaftspolitik vor allem mit den Auswirkungen der französischen Devisenpolitik.
Das spezielle außenhandeis- und währungspolitische Modell der IV. Republik
geriet in der zweiten Hälfte der 50er Jahre immer mehr in die Krise, was teilweise
dramatische Währungs-, Preis- und Kaufkraftschwankungen auslöste. Zwar war man
derartige Probleme im Saarland schon länger gewöhnt; der eifersüchtige Blick auf die
stabile DM hatte schließlich auch einen Gutteil der Diskussion um die Tragfähigkeit
des geplanten europäischen Statuts für das Saarland bestimmt. Und auch der stark
anwachsende Kaufkraftverlust an der östlichen Landesgrenze gefährdete den Einzelhandel;
sein mit dem Tag X, dem Tag der Einführung der DM, absehbares Ende ließ
ihn aber nicht zum dringendsten Problem der Landespolitik werden. Die wachsenden
Probleme in der Übergangszeit stellten vielmehr deren Ziele grundsätzlich in Frage
und gefährdeten bereits Erreichtes. Wie sollte eine Umorientierung der Saarwirtschaft
auf die Bundesrepublik erreicht werden, wenn die Währungsproblematik gemeinsam
mit den immer noch diskriminierenden Kosten der Grenzüberschreitung nach Osten
das Frankreichgeschäft immer attraktiver werden ließen - von den mittelfristig garantierten
Sonderrechten im Verkehr mit Frankreich, die den Warenaustausch zwischen
Saar und Frankreich auf möglichst hohem Niveau stabilisieren sollten, ganz abgesehen?
Wie sollten Unternehmen ihre Betriebe modernisieren und auf den Wettbewerb
mit deutschen Konkurrenten vorbereiten, wenn der Zugang zu Investitionsgütern für
weite Teile der Wirtschaft außerhalb der Montanindustrie - wenn überhaupt - nur
unter sehr ungünstigen finanziellen Bedingungen gegeben war? Und wie sollte sich
die Abhängigkeit von der Schwerindustrie mildern, wenn der wichtigste regionalwirtschaftliche
Impuls aus dem Luxemburger Vertrag zur Regelung der Saarfrage in der
Garantie der Möglichkeit zum weiteren Ausbau des Steinkohlenbergbaus bestand?
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