Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

daher  nicht  gefragt  -  und  wurden  auch  nicht  geliefert.  CVP  und  SPS,  die  im  teilautonomen
  Saarstaat  über  lange  Jahre  hinweg  die  politische  Macht  fest  in  den  Händen
gehalten  hatten,  wurden  zwar  nicht  durch  das  Referendum,  sondern  durch  die  darauf
folgende  Landtagswahl  vom  18.  Oktober  1955  von  ihren  unmittelbaren  politischen
Gegnern  abgelöst;  die  Heimatbundregierungen  führten  aber  die  spätestens  1949
entwickelte  Wirtschaftspolitik  nahtlos  fort.  Unter  dem  Schlagwort  „Auflockerung  der
Industriestruktur“  setzte  man  auch  in  der  Übergangszeit  zwischen  Referendum  und
wirtschaftlicher  Eingliederung  auf  die  Ansiedlung  von  Unternehmen,  die  sowohl
branchenmäßig  als  auch  geographisch  außerhalb  des  Montankerns  liegen  sollten.
Nicht  zuletzt  mit  Geld  aus  Bonn  wurde  eine  regionale  Wirtschaftsforderungskulisse
weiter  ausgebaut,  die  das  Saarland  gegen  konjunkturelle  Schwankungen  absichern
helfen  und  -  als  einziges  neues  Element  -  besondere  Härten  des  angestrebten  Umstellungsprozesses
  der  Wirtschaft  von  Frankreich  auf  Deutschland  abfedern  sollte.
Zur  Entwicklung  grundlegend  neuer  Konzepte  blieb  auch  gar  keine  Zeit.  Neben  der
außerordentlich  arbeitsintensiven  Umstellung  quasi  aller  administrativen  und  juristischen
  Normen  und  Regelungen  vom  saarländischen,  in  vielen  Bereichen  französisch
  beeinflußten  Nachkriegsmodell  auf  das  neue  bundesdeutsche  Vorbild  kämpfte
die  Wirtschaftspolitik  vor  allem  mit  den  Auswirkungen  der  französischen  Devisenpolitik.
  Das  spezielle  außenhandeis-  und  währungspolitische  Modell  der  IV.  Republik
geriet  in  der  zweiten  Hälfte  der  50er  Jahre  immer  mehr  in  die  Krise,  was  teilweise
dramatische  Währungs-,  Preis-  und  Kaufkraftschwankungen  auslöste.  Zwar  war  man
derartige  Probleme  im  Saarland  schon  länger  gewöhnt;  der  eifersüchtige  Blick  auf  die
stabile  DM  hatte  schließlich  auch  einen  Gutteil  der  Diskussion  um  die  Tragfähigkeit
des  geplanten  europäischen  Statuts  für  das  Saarland  bestimmt.  Und  auch  der  stark
anwachsende  Kaufkraftverlust  an  der  östlichen  Landesgrenze  gefährdete  den  Einzelhandel;
  sein  mit  dem  Tag  X,  dem  Tag  der  Einführung  der  DM,  absehbares  Ende  ließ
ihn  aber  nicht  zum  dringendsten  Problem  der  Landespolitik  werden.  Die  wachsenden
Probleme  in  der  Übergangszeit  stellten  vielmehr  deren  Ziele  grundsätzlich  in  Frage
und  gefährdeten  bereits  Erreichtes.  Wie  sollte  eine  Umorientierung  der  Saarwirtschaft
auf  die  Bundesrepublik  erreicht  werden,  wenn  die  Währungsproblematik  gemeinsam
mit  den  immer  noch  diskriminierenden  Kosten  der  Grenzüberschreitung  nach  Osten
das  Frankreichgeschäft  immer  attraktiver  werden  ließen  -  von  den  mittelfristig  garantierten
  Sonderrechten  im  Verkehr  mit  Frankreich,  die  den  Warenaustausch  zwischen
Saar  und  Frankreich  auf  möglichst  hohem  Niveau  stabilisieren  sollten,  ganz  abgesehen?
  Wie  sollten  Unternehmen  ihre  Betriebe  modernisieren  und  auf  den  Wettbewerb
mit  deutschen  Konkurrenten  vorbereiten,  wenn  der  Zugang  zu  Investitionsgütern  für
weite  Teile  der  Wirtschaft  außerhalb  der  Montanindustrie  -  wenn  überhaupt  -  nur
unter  sehr  ungünstigen  finanziellen  Bedingungen  gegeben  war?  Und  wie  sollte  sich
die  Abhängigkeit  von  der  Schwerindustrie  mildern,  wenn  der  wichtigste  regionalwirtschaftliche
  Impuls  aus  dem  Luxemburger  Vertrag  zur  Regelung  der  Saarfrage  in  der
Garantie  der  Möglichkeit  zum  weiteren  Ausbau  des  Steinkohlenbergbaus  bestand?

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