Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

der  neuen  Saarbergwerke  AG  gekommen  war,  reagierte  das  Unternehmen  jedoch
umgehend  aut'  die  neuen,  durch  die  Konkurrenz  der  Übersee-Kohle  gewachsenen
Absatzprobleme  und  legte  umfangreiche  Stillegungs-  und  Rationalisierungskonzepte
vor,  die  die  Streichung  von  mehr  als  10.000  Arbeitsplätzen  binnen  weniger  Jahre
vorsahen.
Dieses  Restrukturierungskonzept  wurde  auch  eng  mit  der  Landesregierung  abgestimmt;
  die  politische  und  wirtschaftliche  Debatte  im  und  über  das  Saarland  hatte  sich
jedoch  zwischenzeitlich  deutlich  verändert.  Es  mangelte  weder  in  der  Politik  noch  in
den  in  großer  Zahl  vorgelegten  wissenschaftlichen  Gutachten  und  Forschungsarbeiten
an  Stimmen,  die  für  eine  Neuausrichtung  der  Wirtschaftspolitik  plädierten.  Die
Grundlage  dieser  Diskussionsbeiträge  bildete  die  bereits  in  den  Jahren  vorher  überwiegend
  von  den  Kritikern  der  mit  der  politischen  Teilautonomie  verbundenen
Währungs-  und  Zollunion  mit  Frankreich  gewonnene  Einsicht  in  die  strukturellen
Defizite  des  saarländischen  Wirtschaftsstandorts.  Der  zur  Mitte  der  50er  Jahre  restlos
ausgeschöpfte  Markt  an  (männlichen)  Arbeitskräften  war  demnach  als  wichtigstes
Hemmnis  industriellen  Wachstums  anzusehen;  Investitionsdefizite,  eine  unzureichende
  Infrastruktur  und  Probleme  des  Kapitalmarkts  taten  das  übrige:  Ein  weiteres
überdurchschnittliches  Wachstum  der  Saarwirtschaft  wie  in  den  ersten  Nachkriegsjahren,
  soviel  war  klar,  war  innerhalb  der  gewachsenen  Strukturen  nicht  mehr  zu
erwarten.  Das  Ende  des  extensiven  Wachstums  der  Region  war  erreicht;  als  dringend
nötig  erkannt  wurden  strukturverbessemde  Maßnahmen,  die  durch  die  Ansiedlung
von  Betrieben  montanfremder  Branchen  die  traditionelle  Einseitigkeit  der  Wirtschaftsstruktur
  beseitigen  sollten.  Andererseits  drängten  die  durch  die  Umstellung  auf
Deutschland  und  die  Spezialkonstruktion  einer  wirtschaftlichen  Übergangszeit
ausgelösten  Probleme  die  unmittelbaren  Folgen  der  Eingliederung  zunehmend  in  den
Vordergrund  der  Debatte  über  die  Neuausrichtung  der  Wirtschaftspolitik.  Gegenüber
den  Schwankungen  und  kaum  prognostizierbaren  Aussichten  in  anderen  Wirtschaftssektoren
  verstärkte  sich  daher  die  Bedeutung  des  Montankems  als  Garant  dauerhafter
wirtschaftlicher  Prosperität;  dies  um  so  mehr,  als  das  Saarland  durch  seine  Beteiligung
  an  den  Saarbergwerken  erstmals  selber  zum  Eigentümer  „seines“  Bergbaus
wurde  und  weil  die  anfangs  kritisierten,  auf  internationaler  Ebene  vereinbarten
LieferverpRichtungen  gegenüber  Frankreich  in  ihrer  absatzsichernden  Bedeutung
erkannt  wurden.
Daher  wurde  die  Lage  im  Bergbau  trotz  der  verstärkten  Absatzprobleme,  durch  die
sich  die  schlechte  Ertragslage  der  Saarbergwerke  ab  1957  zu  einer  Rentabilitätskrise
zuspitzte,  anfangs  nicht  von  allen  Seiten  als  Problem  wahrgenommen.  Die  Rationalisierungs-
  und  Modernisierungsmaßnahmen  versprachen  vielmehr  in  der  Perspektive
vieler,  diejenigen  Arbeitskräfte  freizumachen,  die  eine  auf  Ansiedlung  von  Unternehmen
  anderer  Branchen  hin  ausgerichtete  Politik  mittelfristig  dringend  benötigte.
Kurzfristig  erwartete  man  eine  Kompensationswirkung  der  Eisen-  und  Stahlindustrie,
die  ebenfalls  händeringend  Arbeitskräfte  suchte.  Neue  politische  Konzepte  waren

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