Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

die  Vertreter  von  Bundesrepublik  und  Frankreich  bei  den  Luxemburger  Verhandlungen
  den  Anspruch  erhoben,  eigentlich  regionalpolitische  Fragen  für  das  Saarland
im  Zusammenhang  mit  dem  internationalen  Statut  zu  bearbeiten.  Davon  waren  neben
der  bereits  erwähnten  Umstrukturierung  zentraler  Aspekte  der  Wirtschafts-  und
Gesellschaftsordnung  auch  eine  Vielzahl  von  Detail-  und  Einzelfragen  betroffen  -
darunter  als  wichtigste  vielleicht  die  Rückkehr  der  Familie  Röchling  in  „ihr“  Stahlwerk
  in  Völklingen.2’
Die  Saarverhandlungen  steilen  somit  einen  interessanten,  weil  von  den  üblichen
Mustern  abweichenden  Schnittpunkt  von  regionaler  und  internationaler  Politik  dar.* 24
Daher  soll  im  folgenden  die  Politik  der  saarländischen  Regierung2"  als  der  regional

Bundesländer  siehe:  Werner  Thieme,  Föderalismus  im  Wandel.  Bund  und  Nordrhein-Westtalen
1949-1975.  Analyse  und  Prognose  des  Verhältnisses  von  Bund  und  Land  Nordrhein-Westfalen  1949  bis
1975,  Köln  u.a.  1969.  Zur  Bedeutung  des  Föderalismus-Ansatzes  bei  der  Frage  nach  dem  Verhältnis  von
Bund  und  Ländern:  Ursula  Rombeck-Jaschinski,  Nordrhein-Westfalen  im  Nachkriegsdeutschland
(1945-1958),  in:  Flans  Boldt  (Hg.),  Nordrhein-Westfalen  und  der  Bund,  Düsseldorf  1989  (=  Schriften  zur
politischen  Landeskunde  Nordrhein-Westfalens  5),  S.  40-59;  Hans  Boldt  u.  Torsten  Mick,  Schrumpfende
Handlungsspielräume:  Zur  Staatsentwicklung  des  Landes  Nordrhein-Westfalen,  in:  Peter  Hüttenberger
(Hg,),  Vierzig  Jahre.  Historische  Entwicklungen  und  Perspektiven  des  Landes  Nordrhein-Westfalen,  2.
Aufl.  Düsseldorf  1986  (=  Düsseldorfer  Schriften  zur  Neueren  Landesgeschichte  und  zur  Geschichte
Nordrhein-Westfalens  17),  S.  89-107;  Jakob  Schissler  (Hg.),  Politische  Kultur  und  politisches  System  in
Hessen,  Frankfurt  a.M.  1981.  Sehr  kritisch  zu  im  Kontext  von  Jubiläen  als  „Flickwerk  heißer  Nadeln“
entstandenen  Föderalismus-Apologien:  Ulrich  Reusch,  Föderalismus  in  Vergangenheit  und  Gegenwart
(1949-1989).  Landeszeitgeschichtliche  Literatur  zum  Jubiläum  der  Bundesrepublik,  in:  Geschichte  im
Westen  5  (1990),  S.  109-113,  hier:  S.  111.
2’  Jean-Paul  Cahn,  Un  aspect  de  la  question  sarroise:  le  règlement  de  l’affaire  Röchling  (1954-1956),  in:
Revue  d'Allemagne  15  (1983),  S.  415-438.  Vgl.  auch  Hans-Christian  Herrmann,  Plante  Herrmann
Röchling  1940  ein  zusammenhängendes  Montanrevier  Saar-Lor-Lux?,  in:  Zeitschrift  für  die  Geschichte
der  Saargegend  42  (1994),  S.  214-224.  Wenig  aussagekräftig  ist  Gerhard  Seibold,  Röchling.  Kontinuität
im  Wandel,  Stuttgart  2001.  Eduard  Schäfer,  Zur  Geschichte  der  Saarbrücker  Zeitung  1918-1968/69,
Saarbrücken  1972;  Rüdiger  Nebe,  Der  Saarländische  Rundfunk  1955-1978.  Analyse  zur  Rundfunkpolitik
und  Programmgestaltung,  München  1981;  Thomas  Herzig,  Geschichte  der  Elektrizitätswirtschaft  des
Saarlandes  unter  besonderer  Berücksichtigung  der  Vereinigten  Saar-Elektrizitäts-AG,  Saarbrücken  1987,
v.a.  S.  25Iff.
24  Natürlich  hatten  bereits  früher  gerade  die  wirtschaftspolitischen  Integrationsbemühungen  Rückwirkungen
  auf  das  föderale  System  der  Bundesrepublik  gezeigt.  Das  prominenteste  Beispiel  ist  hierfür  möglicherweise
  die  Auseinandersetzung  zwischen  dem  Bund  und  dem  Land  Nordrhein-Westfalen  im  Kontext  der
Gründung  der  Montanunion,  siehe  hierzu:  Rombeck-Jaschinski,  Nordhrein-Westfalen;  dies.,  Nordrhein-Westfalen
  im  Nachkriegsdeutschland,  in:  Geschichte  im  Westen  4  (1989),  S.  21-35;  dies.,  Nordrhein-Westfalen,
  die  Ruhr  und  Europa.  Föderalismus  und  Europapolitik  1945-1955,  Essen  1990  (=Düsseldorfer
  Schriften  zur  neueren  Landesgeschichte  und  zur  Geschichte  Nordrhein-Westfalens  29).  Im
Unterschied  zum  Saarland  trat  das  Land  NRW  genauso  wie  sein  Ministerpräsident  aber  selbst  nicht  auf  die
internationale  Bühne,  und  auch  der  Konflikt  zwischen  den  beiden  Regierungsebenen  verlief  rein  innenpolitisch.

25  Vgl.  allgemein  zum  Quellenwert  von  Kabinettsprotokollen  Karl-Ulrich  Gelberg,  Die  Protokolle  des
Bayerischen  Ministerrats  1945-1954  als  zentrale  Quelle  für  die  politische,  wirtschaftliche  und  soziale
Entwicklung  Bayerns,  in:  Maximilian  Lanzinner  u.  Michael  Henker  (Hgg.),  Landesgeschichte  und
Zeitgeschichte.  Forschungsperspektiven  zur  Geschichte  Bayerns  nach  1945,  Augsburg  1997  (=  Materialien
  zur  Bayerischen  Geschichte  und  Kultur  4/97),  S.  89-101.  Im  Gegensatz  zu  Bayern  wurden  im
Saarland  jedoch  die  Protokolle  fast  ausschließlich  als  Ergebnisprotokolle  geführt.  Daher  fällt  hier  die
Rekonstruktion  von  kabinettsintemen  Abstimmungsvorgängen  vergleichsweise  schwer.

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