Falls ein weiteres Ziel der Sozialdemokraten darin bestanden haben sollte, mit ihrem
Vorstoß die inneren Widersprüche in Koalition und Regierung deutlich zu machen,
erreichten sie dieses beinahe. Zumindest im Kabinett löste die PH-Reform im Laufe
des Jahres 1968 hektische Betriebsamkeit aus, die bis hin zur Ablehnung eines
Gesetzentwurfs des Kultusministers reichte.MW Noch Ende Oktober formulierte das
Kabinett zum dann genehmigten Gesetzentwurf einen Zusatz, daß auch eine Integration
der Lehrerbildung in die Universität nicht von vornherein ausgeschlossen
werden solle und daß Vorbereitungen zu einer Kooperation zwischen den beiden
Hochschulen getroffen werden sollten.109 110 Aber auch hinsichtlich ihrer parlamentarischen
Beteiligung erreichte die SPD einen deutlichen Machtgewinn. Noch vor Jahresende
waren die Ausschußberatungen so weit gediehen, daß zur Verfassungsänderung
ein gemeinsamer Antrag aller drei Fraktionen vorgelegt werden konnte. Allerdings
erwies sich dieser Erfolg der Sozialdemokraten als Pyrrhussieg, ln einer höchst
verwickelten Debatte führten verschiedene Redner Gründe dafür an, warum die SPD
der von ihr selber angestoßenen Verfassungsänderung die Zustimmung verweigerte.
Dabei war davon die Rede, daß die Regierung die Entwürfe für ein Gesetz über die
Pädagogische Hochschule und für das Konkordat mit den Kirchen zur Lehrerbildung
erst sehr spät vorgelegt habe, Entwürfe von Normen, die jedoch als eine Art Ausführungsgesetze
von Bedeutung für die Verfassungsänderung waren;"1 weiterhin
wurde erwähnt, daß Kräfte innerhalb der SPD auf einer ausführlichen Beratung
besonders des PI i-Gesetzes in den Parteigremien bestünden. Für diese Beratungen sei
aber nicht ausreichend Zeit geblieben;112 schließlich wurde angeführt, daß die gegenwärtige
Konstruktion einer Kooperation mit der Universität die Wissenschaftlichkeit
der Hochschule nicht ausreichend sicherstelle und daß außerdem der Einfluß der
Kirchen über „Konkordatslehrstühle“ und sonstige Möglichkeiten nicht ausreichend
verringert sei.1"'
Den beiden anderen Fraktionen bot dieses merkwürdige Verhalten der SPD genügend
Anlaß, „fassungslos“114 zu reagieren. Werner Scherer dagegen konnte dadurch aus
seiner defensiven Position herausgelangen, daß er seine Entwürfe als in allen Einzelheiten
den Anforderungen an ein modernes Lehrerbildungssystem entsprechend
109 LASB StK 1751, Kabinettsprotokoll v. 24.9.68.
"" LASB StK 1752, Kabinettsprotokoll v. 22.10.68.
111 Vgl. hierzu die Ausführung des Berichterstatters Rainer Wicklmayr (CDU) in: LTDS, 5. WP, Abt. I,
64. Sitzung v. 20.12.68, S. I724f.
112 So Wilhelm Werth (SPD), ebd., S. 1725ff. Die Rede war von Beratungen im „Landesparteitag'4, im
„kulturpolitischen Ausschuß“ und mit „Betroffenen“.
113 So Richard Klein (SPD) in: ebd., S. 1730f.
114 So Norbert Brinkmann (CDU) in: ebd., S. 1733. Brinkmann bezog sich in seiner Rede darauf, daß es
nicht nur die SPD gewesen sei, die diese Verfassungsdiskussion angestoßen habe, sondern daß auch von
deren Seite noch im Februar des gleichen Jahres so argumentiert worden sei, daß die Verfassungsänderung
Voraussetzung für eine weitere Beratung der „Ausführungsgesetze“ sei; daß die SPD nun die Verfassungsänderung
ablehnen wollte, weil die beiden Folgegesetze noch nicht ausreichend diskutiert seien, fand
wenig Verständnis.
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