Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Dagegen  konzentrierte  sich  der  Reformeifer  der  saarländischen  Politik  auf  den
Bereich  der  Lehrerbildung,  der  ab  1968  eines  der  zentralen  Felder  der  landespolitischen
  Diskussion  mit  Auswirkungen  bis  hin  zu  einer  Verfassungsänderung  wurde.
Anfang  1968  brachte  die  SPD-Fraktion  im  saarländischen  Landtag  einen  Antrag  auf
Verfassungsänderung  ein,"':  der  zum  Ziel  hatte,  die  konfessionelle  Trennung  der
Lehrerbildung  aufzuheben  und  die  beiden  Pädagogischen  Hochschulen  zusammenzuführen.111’
  Vor  dem  Hintergrund  der  Lösung  des  saarländischen  Schulstreits  war
dies  alles  andere  als  ein  revolutionärer  Akt,  zumal  die  konfessionelle  Trennung  des
Bildungssystems  -  betroffen  war  ja  ohnehin  nur  ein  Teil  der  Schulen  -  in  der  Bevölkerung
  kaum  Rückhalt  hatte.* 104 107  Auch  der  kleinere  Koalitionspartner  hatte  sich  längst
schon  mit  der  Konfessionsschule  nicht  mehr  anfreunden  können.111'’  Trotzdem  war
dieser  Antrag  kaum  als  „parteipolitische  Agitation“  zu  bezeichnen.m'’  Zwar  kam  er  für
die  Regierung  denkbar  ungelegen,  die  sich  offensichtlich  noch  in  Verhandlungen  und
Beratungen  zu  dieser  Frage  befand,"1  und  auch  die  FDP/DPS-Fraktion  hatte  unter
diesem  Antrag  schwer  zu  leiden,  war  sie  aus  Koalitionsräson  doch  zur  Ablehnung
eines  Antrages  gezwungen,  den  sie  inhaltlich  wohl  begrüßte.108  Allerdings  wird  man
trotzdem  auch  in  diesem  Antrag  einen  Versuch  der  SPD  erkennen  müssen,  durch
konstruktive  Arbeit  Mitbestimmung  in  der  Landespolitik  zu  erreichen.  Deutlich
sichtbar  wurde  dieser  Zug  des  Antrags  auch  daran,  daß  die  Fraktion  angesichts  der
Vorlage  eines  eigenen  Antrags  zur  Lehrerbildung  durch  die  FDP/DPS  sogar  aus  der
Sitzung  auszog  und  somit  deutlich  machte,  daß  sie  zur  Kooperation  besonders  in
dieser  Frage  nur  bereit  sein  würde,  wenn  sie  auch  inhaltlich  angemessen  beteiligt
würde.
mit  statistischem  Material  zum  Saarland.  Die  beiden  stark  bildungsstatistisch  bzw.  pädagogisch-didaktisch
  ausgerichteten  Arbeiten  von  Albert  Brengel,  Wirklichkeit  und  Problematik  des  beruflichen  Schulwesens
  im  Saarland,  Saarbrücken  1961,  und  ders.,  Bildung  und  Wirtschaft.  50  Jahre  Diskussion  um  die
wirtschaftsberuflichen  Schulen,  Bad  Homburg  1967,  liefern  trotz  der  Breite  ihrer  Darstellung  kaum
Hinweise  auf  diesen  Zusammenhang.
102  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  51.  Sitzung  v.  14.2.68,  S.  1359ff.
10’  Vgl.  zur  Chronologie  der  Verfassungsänderung  Bernhard  Stollhof,  Die  Entwicklung  der  Verfassung
von  1947  bis  heute,  in:  Landtag  des  Saarlandes  (Hg.),  Landtag,  S.  129-146,  hier:  S.  136f.
104  Nach  einer  Umfrage  der  Arbeitskammer  sprachen  sich  83%  aller  befragten  Saarländer  für  die  Gemeinschaftsschule
  aus,  Arbeitskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Einstellungen,  S.  95.  Allerdings  stellt  sich  die
Frage,  welche  Rolle  die  Reform  der  Lehrerausbildung  überhaupt  in  der  zeitgenössischen  Diskussion
gespielt  hat  -  zumindest  in  den  zaghaften  Versuchen  der  „68er“  wurde  diese  Frage  anscheinend  nicht
besonders  prominent  thematisiert,  vgl.  Renate  Müller,  „Die  Möglichkeit  hat  uns  einfach  mitgerissen“.
Eine  Spurensuche  nach  '68  und  den  Folgen  im  Raum  Saarbrücken,  (Mag.Arb.)  Saarbrücken  2001.
l0'  Bauer,  CDU,  S.  95,  glaubt  sogar,  daß  die  Verfassungsänderungen  der  zweiten  Hälfte  der  60er  Jahre  nur
auf  Druck  der  FDP/DPS  erfolgt  seien.
106  So  Werner  Scherer  in:  LTDS,  5.  WP,  Abt.  1,51.  Sitzung  v.  14.2.68,  S.  1363.
107  So  Werner  Scherer  und  Maria  Schweitzer  zur  Begründung  ihrer  Ablehnung  des  SPD-Antrags,  ebd.,
S.  1361  und  S.  1362.
108  Mit  beißender  Ironie  machte  Richard  Klein  (SPD)  in  seiner  Rede  zur  Begründung  des  Antrags  auf
dieses  Dilemma  aufmerksam,  vgl.  ebd.,  S.  1360,  wobei  das  politische  Ziel  dieser  Angriffe  aber  im
Dunkeln  blieb.

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